• 20.11.2020 08:17 | von Dorothea Alber

    «Ich bleibe auch mit einem Coronaleugner befreundet»

    Sandra Copeland ist Direktorin des Landesspitals in Vaduz und erklärt im Interview, warum jetzt die falsche Zeit für Individualismus ist.

    Frau Copeland, wie gehen Sie persönlich mit der Coronapandemie um?
    Sandra Copeland: Im Moment bin ich so ausgelastet, dass ich kaum zum Durchatmen komme. Wir versuchen stets zu antizipieren, was auf uns zukommt und wie wir auf bestimmte Szenarien reagieren können. Es ist eine intensive Zeit.

    Was lässt Sie optimistisch bleiben?
    Auch wenn wir nicht wissen, wann es so weit sein wird, stimmt mich die Gewissheit positiv, dass diese Krise irgendwann vorbei ist. Es geht uns hier ja im Grossen und Ganzen vergleichsweise gut. Zudem sind wir – also auch die Institutionen – in dieser herausfordernden Zeit enger zusammengerückt im Land, unterstützen, wo immer es geht.

    Fürchten Sie, das schlimmste Szenario könnte eintreten, in dem das Gesundheitssystem in der Schweiz und Liechtenstein überlastet ist?
    Es wäre katastrophal, wenn wir in die Situation kämen, entscheiden zu müssen, wer ein Spitalbett oder den Beatmungsplatz auf der Intensivstation erhält und wer nicht. Ich glaube, die meisten Menschen haben inzwischen verstanden, wie ernst die Lage ist. Wir Menschen sind in der Krise überaus belastbar und es ist beeindruckend, was wir leisten können, wenn wir müssen. Dennoch, es gibt immer noch sorglose Leute. Sie unterschätzen die Gefahr, wohl weil sie unsichtbar ist.

    Es wäre katastrophal, wenn wir in die Situation kämen

    Können Sie nachvollziehen, warum Menschen gegen die Coronamassnahmen demonstrieren?
    Wenn jemand wenig Berührung mit Erkrankten hat oder in seinem Umfeld keinen Betroffenen kennt, dann fällt es vielleicht schwer, sich mit den Einschränkungen abzufinden. Auch Existenzängste spielen eine Rolle, die ich nachvollziehen kann. Aber es geht hier nicht um den Einzelnen und es ist die falsche Zeit für Individualismus, sondern es geht um uns als Gesellschaft. Alle gegen einen, alle gegen das Virus.

    Könnten Sie mit jemanden befreundet sein, der die Pandemie leugnet, oder würden Sie die Freundschaft aufkündigen?
    Ich respektiere grundsätzlich andere Denkweisen. Ich würde mich damit auseinandersetzen, zuhören und versuchen, die Beweggründe zu verstehen. Andere Denkweisen müssen gerade in einer Freundschaft Platz finden. Also nein, ich würde die Freundschaft nicht aufkündigen.

    Aufgrund der Pandemie hat das Landessspital eine Finanzspritze von 1,6 Millionen Franken benötigt. Bereitet Ihnen die finanzielle Situation derzeit Sorgen?
    Wir sind sehr dankbar für die im Landtag gesprochene Unterstützung und für dieses Jahr sind wir auf der sicheren Seite, wenn nun die zweite Pandemiewelle schnell abflacht. Wenn die Pandemie noch länger – bis weit ins Jahr 2021 hinein – andauert, dann sieht es wiederum nicht so rosig aus – auch für Spitäler auf der anderen Seite des Rheins, siehe das Beispiel der Paracelsus-Klinik in Richterswil/ZH.

    Warum kommen die Spitäler durch Corona in finanzielle Nöte?
    Wir halten stets genügend Betten frei, um Coronaerkrankte aufnehmen zu können. Die Kosten sind hoch, die Erträge tief – da muss man nichts mehr sagen.

    Wir halten stets genügend Betten frei

    Bereuen Sie es, dass Sie ausgerechnet in einer solch schweren Zeit in den Gesundheitssektor gewechselt sind?
    Ich bin seit bald 10 Jahren im Gesundheitswesen tätig. Die Zeit seit meinem Start hier am LLS in Vaduz war und ist noch sehr anspruchsvoll. Also nein, überhaupt nicht. Ich finde es sehr erfüllend, etwas zur Bewältigung einer solchen Pandemie beitragen zu können. Eigentlich bin ich in der Branche angekommen, die mich schon immer interessierte. Ich habe zwar Wirtschaftsinformatik studiert, aber als Kind wollte ich Kinderärztin werden.

    Welches ist Ihre erste Kindheitserinnerung?
    Ich gehe auf die 60 zu und es ist gar nicht so leicht, mich daran zu erinnern (lacht). Mein Vater stammt aus England und als Kind haben wir in der Schweiz und England gelebt. Einmal sind ich und meine Schwester – ich war damals vielleicht drei oder vier Jahre alt – in Begleitung einer Hostess mit dem Flieger in die Schweiz gereist. Ich kann mich gut erinnern, dass ich die Hand meiner grösseren Schwester genommen habe und ihr sagte: «Du musst keine Angst haben, ich bin da (lacht).»

    So schnell macht Ihnen offenbar nichts Angst. Gibt es trotzdem einen Moment, in dem Sie sich ohnmächtig gefühlt haben?
    Ohnmächtig fühlt man sich dann, wenn man einer Situation ausgeliefert ist. Als mein Vater vor einigen Jahren nach einer plötzlichen Erkrankung und einer OP gestorben ist, fühlte ich mich so hilflos, weil ich nichts tun konnte.

    Wer hat Sie stärker geprägt im Leben, der Vater oder die Mutter?
    Man ist ja stets von vielen Seiten beeinflusst. Die Frauen in meiner Familie haben mich aber wohl stärker geprägt. Meine Grossmutter aus Zürich war zu Beginn des ersten Weltkrieges mit ihrem Mann in Spanien daheim und ist mit meiner Mutter als Baby über verschlungene Wege durch das Kriegsgebiet alleine in die Schweiz zurückgereist – notabene ohne Pass. Hier als Alleinerziehende wieder Fuss zu fassen, war sicher nicht einfach zu dieser Zeit. Meine Mutter hat nach diesem Vorbild gelebt und uns mitgegeben, dass wir alles schaffen können.

    Haben Sie ein Vorbild ausserhalb der Familie?
    Ein Vorbild, dem ich nachlebe, gibt es so nicht. Ich habe immer versucht, meinen eigenen Weg zu gehen und meine Werte sowohl in mein Leben als auch in die Erziehung meiner vier Kinder einzubringen. So habe ich auch mein Studium selbst finanziert.

    Es braucht schon etwas mehr, mich zu nerven

    Gibt es eine gesellschaftliche Konvention, die Ihnen auf die Nerven geht?
    Es braucht schon etwas mehr, mich zu nerven. Als ich vor 30 Jahren erstmals Mutter wurde, wurde ich im Dorf sicherlich als unkonventionell eingestuft, weil ich eine zu 100 % arbeitende Mama war und eine eigene Karriere verfolgte. Die Angriffe waren aber nie direkt und es hat mich nicht gestört. Jeder muss selbst wissen, wie er sein Leben gestalten möchte. Aber auch ich komme um Konventionen nicht herum.

    Was fehlt unserer Gesellschaft?
    Ich denke, etwas mehr Demut und etwas mehr Mässigung wäre in dieser Zeit und auch grundsätzlich im Leben nicht falsch. Aktuell fehlt der Gesellschaft etwas Geduld – ich bin selber kein geduldiger Mensch (lacht) –, das Corona-Thema ist ein Marathon, und wir müssen gemeinsam da durch und durchhalten.

    Wenn die Welt in einem Jahr untergeht, welches wäre Ihre wichtigste Aufgabe?
    Eine sehr sinistre Frage: Ich würde alles daransetzen, dies abzuwenden! Aber als Wichtigstes: Ich würde für meine ganze Familie, insbesondere für meine vier Kinder, da sein und versuchen, ihnen eine Stütze zu sein.

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