• 18.10.2020 13:00 | von Dorothea Alber

    Unternehmertum neu denken

    Firmen schwören der Profitmaximierung ab. Die Idee «Verantwortungseigentum» fasziniert auch Unternehmer in Liechtenstein.

    Grosse Ideen bahnen sich ihren Weg – auch in einem kleinen Land. Die Unternehmerin Cornelia Wolf denkt darüber nach, ihr noch junges Unternehmen umzustrukturieren. Sie führt den Hoi-Laden in Vaduz und ist fasziniert von einer Idee namens «Verantwortungseigentum». Was als Begriff sperrig daherkommt, ist nichts anderes als ein Unternehmen, für das Wachstum kein Selbstzweck mehr ist. Die Firmen gehören nicht mehr den Gründern, den Aktionären oder den Investoren, sondern einfach sich selbst. Die Coronapandemie liefert den Nährboden, auf dem Zweifel am Wirtschaften von Firmen und ihren Lieferketten aufkeimen. Auch bei einer Gruppe von Liechtensteiner Unternehmern, zu denen Cornelia Wolf und Stephan Gstöhl gehören, tauchen leise Zweifel auf. Sie machen sich für «Purpose Economy» stark.

    «Gewinnmaximierung kann nicht ewig weitergehen»
    Cornelia Wolf hat die Krise hautnah miterlebt und hatte die Türen ihres Ladens praktisch schon vernagelt. «Nur ein LLB-Überbrückungskredit, die  Unterstützung der Smile Stiftung von Birgit und Fritz Kaiser und die neue Kooperation mit der Hofkellerei machten dies im letzten Moment möglich», sagt sie. In dieser Zeit habe sie sich vor allem eine Frage gestellt: Ist Profit wirklich der einzige Sinn des Wirtschaftens? Ihre Antwort darauf ist klar. Denn so dankbar sie über ihre Kunden und ihr kleines Geschäft im Vaduzer Städtle ist, so sehr kommt sie zum Schluss: «Die Gewinnmaximierung kann nicht ewig so weitergehen», sagt sie verhalten. Sie gehe zulasten der Umwelt und der Natur. Nicht zuletzt müssen irgendwo auf diesem Planeten Menschen dafür büssen, dass Konsumenten billige Produkte kaufen.

    In der Coronakrise hat sich gezeigt, dass die Wirtschaft ohne Staat verloren ist. Das befeuert auch die Kritik an Marktradikalen und am Wirtschaftsliberalismus. Manche nennen ihn sogar «Schönwetterliberalismus». Denn da kommt 2008 eine Finanzkrise, 2020 eine Pandemie, und sofort ist der Staat gefragt – sonst brechen weite Teile des Finanz- und Wirtschaftssystems ein. «Es ist schlicht und einfach toxisch für die Demokratie, wenn der Gewinn privatisiert und ein Teil der Verluste vergesellschaftet wird. Das geht nicht», sagt etwa Publizist und ehemaliger Chefredakteur der «Zeit», Roger de Weck. Kein Wunder also, stossen Ideen wie Verantwortungseigentum auf grosses Interesse in der Gesellschaft. Die Denkfabrik ist eröffnet. Frederic Laloux geht in seinem Bestseller «Reinventing Organizations» beispielsweise der Frage nach, warum es Unternehmen überhaupt gibt und wem sie dienen sollen. Dass sich diese Frage ausgerechnet der ehemalige Partner der Unternehmensberatung McKinsey stellt, dürfte einige verwundern. 
    «Multinationale Konzerne wollten ihre Profite und Marktanteile vergrössern. Sie strebten Wachstum um des Wachstums Willen an», so wird Laloux in der Wochenzeitung «Die Zeit» zitiert. «In der medizinischen Terminologie würde man das einfach als Krebs bezeichnen», schreibt er in seinem Buch weiter. Demnach erleben wir ein Zeitalter, in dem die traditionellen Organisationsformen hinterfragt werden. Modernen Unternehmen sei zum Beispiel wichtig, dass die begrenzten natürlichen Ressourcen wiederverwendet werden. Auch bei Cornelia Wolf rückt das Thema «purpose», also der Zweck, in den Vordergrund. Ein Gehalt würde ihr schon ausreichen, den Besitz des Unternehmens würde sie aber abgeben. 
    Sie würde stattdessen der Gesellschaft und den Mitarbeitern etwas zurückgeben. «Ich wäre eine gewisse Zeit als ‹Verantwortungseigentümer› für die Firma tätig, hätte aber keine Mühe damit, nach einigen Jahren das Unternehmen an einen Nachfolger zu übergeben». Ein ausgewähltes Gremium könnte in diesem Modell über die Zukunft des Unternehmens bestimmen, aber nur innerhalb des Zweckes. Der wäre bei Cornelia zum Beispiel, dass Produkte ausschliesslich nachhaltig produziert werden oder dass Mitarbeiter direkt am Gewinn beteiligt werden.

    Auf die Idee brachte sie Armin Steuernagel aus Deutschland, der die «Purpose Stiftung» ins Leben gerufen hat, die es Firmen ermöglicht, sich in «Verantwortungseigentum» zu verwandeln. Die Stiftung bekommt 
    99 Prozent der Kapitalanteile, hingegen verbleiben 99 Prozent der Stimmrechte bei den Unternehmern und Mitarbeitern. Sie leiten die Firmen zwar, doch Gewinne und Boni gibt es nicht, die Gelder bleiben im Unternehmen. Steuernagel ermöglicht den Unternehmen, «sich selbst zu gehören». In Deutschland gibt es bereits etliche Betriebe, die sich für das Modell entschieden haben. Dazu gehören Familienunternehmen, die in dritter Generation ihr Eigentum abgeben, aber auch erfolgreiche Start-ups. Ein Beispiel ist das Berliner Unternehmen Ecosia, das die gleichnamige Suchmaschine betreibt und ihre Erträge anders ausgibt als die meisten Betriebe. So hat Ecosia 100 Millionen neue Bäume gepflanzt.

    Braucht die Idee eine eigene Rechtsform?
    Eine Gruppe von Unternehmern in Deutschland wagt gerade den Vorstoss, eine weitere Rechtsform zu etablieren und fordert die «GmbH in Verantwortungseigentum». In Wirtschaft und Politik formiert sich breiter Widerstand gegen die Initiative, wie etwa das «Handelsblatt» in Deutschland berichtet. Vertreter von CDU und FDP sowie Unternehmer aus dem Mittelstand kritisieren die Pläne, neben den etablierten Formen eine neue Gesellschaftsform zu schaffen. 600 Unternehmer und Experten hatten sich dafür ausgesprochen. Dem stehen die Befürchtungen von Kritikern gegenüber, die Bürokratie könnte wachsen. Sie schlagen stattdessen vor, das Stiftungsrecht in Deutschland zu entschlacken. 
    In Liechtenstein stellen sich Juristen die Frage, ob es für das «Verantwortungseigentum» tatsächlich eine eigene Rechtsform bräuchte. Immerhin kennt Liechtenstein beispielsweise das Instrument der Stiftung. Anders als in Deutschland kann der Zweck einer solchen viel freier ausgestaltet werden. «Die Purpose Stiftung sitzt zum Beispiel in Basel. Ich könnte mir vorstellen, dass ausländische Unternehmen auch Liechtenstein als Standort für Stiftungen im ‹Verantwortungseigentum› nutzen würden», sagt etwa Cornelia Wolf und sieht darin eine Chance für den Stiftungsstandort Liechtenstein. Jener hat zuletzt eine grosse Veränderung erlebt: Waren es im Jahr 2012 noch über 30 000 Stiftungen, so hat sich ihre Zahl mehr als halbiert.

    Auch zwei weitere Unternehmer in Liechtenstein beschäftigen sich mit dem Thema Nachhaltigkeit. Hartmut Hübner und Silke Knöbl arbeiten an einer Idee für neues Wirtschaften. Ihr Vorhaben orientiert sich an den übergeordneten Nachhaltigkeitszielen der Vereinten Nationen und vereint die beiden Modelle soziales Unternehmertum und «Verantwortungseigentum». Ziel der Initiative ist es, Prototypen für strategische Themen des Landes Liechtenstein zu entwickeln und insbesondere Lösungen mit messbarer Wirkung für gesellschaftliche Herausforderungen zu fördern. Dabei könnten auch die Themen des Teilprojekts «Mein Liechtenstein 2039» anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums des Landes konkret weiterverfolgt und umgesetzt werden. Hübner und Knöbl erhoffen sich, mit der Idee den Grundstein für soziales Unternehmertum in Kombination mit «Verantwortungseigentum» für neue, nachhaltige Geschäftsmodelle im Land zu legen und eine bessere übergreifende Zusammenarbeit zwischen Politik, Wirtschaft und Gesellschaft sicherzustellen. Die beiden Unternehmer sind überzeugt, dass die Pandemie das Thema Nachhaltigkeit in der Bevölkerung noch stärker verankern und das Nachdenken über den Wandel der Wirtschaft beschleunigen wird.

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