• 15.10.2020 18:51 | von Dorothea Alber

    «Tourismus wurde mit aller Härte getroffen»

    Matthias Kramer, Leiter Tourismus bei Liechtenstein Marketing, spricht über die Coronakrise und welche Veränderungen sie bewirkt. 

    Matthias Kramer hat Schweiz Tourismus verlassen und leitet seit Anfang Oktober den Bereich Tourismus bei Liechtenstein Marketing. Der 42-Jährige spricht über die Lage des Liechtensteiner Tourismus angesichts der Coronapandemie.

    Herr Kramer, wie schätzen Sie die aktuelle Lage des Tourismus in Liechtenstein ein?
    Matthias Kramer: Die Situation ist angespannt und die weiteren Entwicklungen nur schwer absehbar. Die sich täglich ändernden Listen der Risikoländer und Verschärfungen der Massnahmen verunsichern sowohl die Gäste, führen aber auch zu grosser Planungsunsicherheit bei den Gastro- und Hotelbetrieben. Die Destination Liechtenstein ist jedoch kein «Sonderfall», sondern sitzt mit allen anderen Tourismusdestinationen im selben Boot.

    Wie gross ist der Rückgang und Einbruch der Übernachtungen seit Beginn der Krise?
    Nach einem Rekordjahr 2019 deuteten Anfang dieses Jahres alle Vorzeichen auf eine Fortsetzung dieses positiven Trends. Und dann kam Corona. Vergleicht man die Monate März bis September von 2019 und 2020, so haben wir einen Einbruch der Logiernächte von fast 40 Prozent. Und dies trotz den erfreulichen Zahlen im Juli und August.

    Welche Gebiete haben durch die Coronakrise am stärksten gelitten und warum?
    Der Einbruch der Logiernächte ist sowohl im Berggebiet wie auch im Tal markant und trifft die Betriebe in beiden Regionen schwer. Während die Berggastbetriebe in den beiden Sommerferienmonaten Juli und August nach dem Lockdown wieder mehr Gäste beherbergen konnten, so leidet die Hotellerie im Tal unter den ausbleibenden Geschäftsreisenden. Tagungen und der Geschäftstourismus finden weiterhin praktisch nicht oder nur im kleinen Rahmen statt und fehlen der Branche. Hier ist auch im nächsten halben Jahr erst mit einer sehr langsamen Erholung zu rechnen.

    Corona offenbart auch schonungslos Schwächen: Haben einige Betriebe zu kurzfristig gewirtschaftet oder zu wenig nachhaltig?
    Der Tourismus ist generell eine Branche mit sehr wenig Reserven. Das durch das Coronavirus verursachte Ausbleiben der Gäste, insbesondere aus den Fern- und Überseemärkten sowie die Grenzschliessungen im Frühjahr sind in ihrer Dimension einzigartig und waren für die Hotellerie nicht vorhersehbar.

    Wie würde sich eine zweite Welle auswirken? Wird es dann weitere staatliche Hilfsmassnahmen benötigen?
    Die Hilfspakete während der ersten Welle im Frühjahr waren für die betroffenen Betriebe enorm wichtig. Allerdings stellt sich heute die Ausgangslage anders dar, da alles darangesetzt wird, dass es zu keinem zweiten Lockdown kommt. Gastgeber und Gäste haben in den letzten Monaten dazugelernt, mit der «neuen Normalität» umzugehen. Dennoch, die Lage bleibt herausfordernd.

    Denken Sie, wird sich die Hotellandschaft des Landes durch die Pandemie verkleinern und wird es zu Konkursen kommen?
    Dies ist schwierig abzuschätzen und ich hoffe, dass die meisten Betriebe einen genug langen Atem haben werden, diese aktuelle Krise durchzustehen. Einige Hotels müssen sich sicherlich auf neue Zielgruppen ausrichten, sich neu positionieren oder ihr Betriebskonzept ändern.

    Wird Corona den Tourismus grundlegend verändern, weil 
    Geschäftsreisen und Fernreisen seltener werden?
    Es gibt verschiedene Szenarien. Wir gehen heute davon aus, dass gerade Fern- und Überseereisen in Zukunft bewusster angetreten werden. Darin liegt aber auch eine Chance, die Wertschöpfung pro Gast zu erhöhen. Nahreisen werden an Bedeutung gewinnen. Der Trend der Digitalisierung wird zudem dazu führen, dass Geschäftsreisen vor allem dann stattfinden werden, wenn ein persönlicher Kontakt unerlässlich ist. Wir sind fest davon überzeugt, dass Geschäftsleute auch in Zukunft wieder reisen werden, wenn auch in reduziertem Mass.

    Hat Corona ein stärkeres Bewusstsein für Tourismus und seine Auswirkungen geschaffen?
    Da wir alle in irgendeiner Form Gäste sind, wurde uns während dem Lockdown schmerzlich vor Augen geführt, was es bedeutet, nicht reisen zu dürfen. Der Tourismus ist diejenige Branche, welche die Coronapandemie am schnellsten und in aller Härte getroffen hat. Sekundär gelagerte Branchen und Betriebe wie Weinproduzenten, Lebensmittellieferanten, Wäschereien, aber auch der Handwerker, haben die Auswirkungen zeitlich verzögert zu spüren bekommen.

    Wie sieht die Strategie von Liechtenstein Marketing aus, um Touristen im Winter nach Malbun zu holen?
    Ähnlich wie im vergangenen Sommer wird das Bedürfnis der Menschen nach Aktivferien in der Natur und das Bedürfnis nach Sonne und Winterzauber die Leute vom Tal in die Berge führen. Liechtenstein hat traditionell schon immer einen hohen Gästeanteil aus den Nahmärkten. Deshalb konzentrieren wir unsere Kampagnen insbesondere auf die Schweiz. Als überschaubares Familiensportgebiet ist Malbun optimal positioniert und innerhalb von zwei Stunden erreichbar.

    Wie wollen Sie das konkret angehen?
    Bei unserer Medienkampagne fokussieren wir uns vor allem auf die Zielgruppe der Familien. Wir werden noch verstärkt Onlinekanäle nutzen, da wir so rasch auf Veränderungen reagieren können und wir bei der Platzierung der Inhalte flexibel sind.

    Wie herausfordernd ist es für Sie, in einer solchen Zeit eine neue Stelle anzutreten?
    Ich habe einen grossen Respekt vor der neuen Aufgabe und nehme diese sehr ernst. Es ist mir ein Anliegen, die Leistungsträger trotz einschränkenden Rahmenbedingungen baldmöglichst persönlich kennenzulernen. Wesentlich ist aber auch, immer wieder die Gäste-Perspektive einzunehmen, die Bedürfnisse der sich konstant wandelnden Gesellschaft zu erkennen und hierfür neue Erlebnisse und Produkte zu kreieren.

    Was reizt Sie an Ihrer neuen Aufgabe?
    Liechtenstein ist ein geniales Produkt. Es ist schon einzigartig, ein ganzes Land als Destination vermarkten zu dürfen, in welchem man mit der Bevölkerung auf Tuchfühlung und nahe bei den Leistungsträgern ist. Ich freue mich auch, den internationalen Blickwinkel und meine Erfahrungen im Ausland mit einzubringen. Man hat doch ein Gespür entwickelt, welche Themen und Geschichten bei den Medien und Gästen gut ankommen.

    Viele haben die Schweiz nun für sich als Reiseziel entdeckt. Wo haben Sie dieses Jahr Ihre Ferien verbracht? 
    Bis im August habe ich mit meiner Familie für vier Jahre in San Francisco gelebt und war für die Medienarbeit von Schweiz Tourismus im Westen der USA zuständig. Nach unserer Rückkehr haben wir dann die Ferien in Form einer 10-tägigen Quarantäne in unserem noch unmöblierten neuen Zuhause verbracht (lacht). Wir geniessen es sehr, wieder in unserer Heimatregion angekommen zu sein. Wir haben noch überhaupt kein Fernweh, denn wir leben hier ja bereits in einer wunderschönen und attraktiven Ferienregion. Für den kommenden Winter planen wir einen Aufenthalt in einem der attraktiven Familienhotels in 
    Malbun.

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