• 04.12.2020 06:00 | von Jeremias Büchel

    «Schokoladen giessen ist ein Riesenhit»

    Markus Vettiger arbeitete fast ein Vierteljahrhundert in der Schokoladenbranche. Ende Jahr geht er in Pension. Corona hat auch bei Maestrani das Schokoladen- und Museumsgeschäft durcheinandergebracht.

    Markus Vettiger, in den 90er-Jahren arbeiteten Sie zehn Jahre bei Lindt und Sprüngli, die letzten 14 Jahre bei Maestrani. Mögen Sie noch Schokolade essen oder vergeht das einem irgendwann?
    Markus Vettiger: Ich esse jeden Tag Schokolade, wobei hauptsächlich im Geschäft. Schokolade ist ein Genussmittel – ich habe noch nie gesehen, dass jemand beim Essen von Schoggi den Mund verzieht. Schokolade macht glücklich, das ist das Schöne am Produkt. Und mir ist die Lust darauf nie vergangen. 

    Welches ist Ihre Lieblingsschokolade?
    Die dunkle Munztafel mit Haselnüssen ist meine Lieblingsschokolade. 

    Sie waren 14 Jahren bei Maestrani. Was hat sich in dieser Zeit im Schokoladenmarkt verändert? 
    Die Konsumenten ernähren sich bewusster, was sich auch auf den Schokoladenmarkt auswirkt. Das führte zu mehr Innovationen und Neulancierungen im Markt. In den letzten Jahren stieg beispielsweise die Nachfrage nach dunklen Schokoladen mit höherem Kakaoanteil. Fair­trade, Nachhaltigkeit und Bioprodukte sind wichtige Themen geworden. Zudem werden vermehrt vegane Produkte lanciert. Trotzdem: Die klassische Milch- und Milchhaselnussschokolade sind nach wie vor am beliebtesten. Bei uns machen das Minor- und das weisse Munzprügeli rund 60 Prozent des Umsatzes aus. 

    Was hat sich bei Maestrani in Flawil in diesen 14 Jahren getan?
    Ganz viel. Wir haben über 20 Millionen investiert. Die letzte grosse Investition waren die neue Erlebniswelt Chocolarium sowie das Bürogebäude. Übrigens alles aus nachhaltigem Holz. Die Energie beziehen wir nur aus alternativen Quellen und viele Produkte werden CO2-neutral produziert. Nachhaltigkeit ist ein wichtiges Thema bei uns. Grad kürzlich haben wir unseren dritten Nachhaltigkeitsbericht publiziert, was jeweils ein grosser Aufwand ist, aber das ist es uns wert. 

    Palmöl ist in der Branche ein heikles Thema. 
    Bei Neulancierungen verzichten wir ganz auf Palmöl, und wo noch Palmöl drin ist, verwenden wir nur zertifiziertes. Grundsätzlich werden wo immer möglich Schweizer Rohstoffe verwendet. Klar, bei Kakao ist das klimabedingt nicht möglich. Aber wir verwenden beispielsweise konsequent einheimischen Zucker und Schweizer Milch, wie etwa bei unserem neuen Munz-Extra-Milch-Prügeli.  

    Sie arbeiteten während zehn Jahren für Lindt und Sprüngli. Was ist bei Maestrani anders?
    Lindt und Sprüngli ist ein Konzern mit Fabriken auf der ganzen Welt und macht über drei Milliarden Franken Umsatz. Maestrani macht 50 Millionen Franken und ist ein Ostschweizer KMU. Bei uns läuft alles familiärer und die Entscheidungswege sind deutlich kürzer. 

    Das aktuelle Geschäftsjahr wurde ganz klar von Corona überschattet. Wie hat sich die Pandemie auf Maestrani ausgewirkt?
    Der Absatz im Schokoladengeschäft hat gelitten, vor allem auch wegen des Einbruchs im Tourismus. Das Duty-free-Geschäft kam praktisch komplett zum Erliegen und ausländische Touristen, welche sich beim Schweizbesuch mit Schokolade eindeckten, fehlten ebenfalls. Zudem fielen durch die Abstandsregeln an den Kassen im Detailhandel die Impulskäufe mehrheitlich weg, weil die Verweildauer in der Kassenzone kürzer wurde. Zudem sind Minörli und Münzli oft Kaffeebeilagen in Restaurants und Cafés. Da diese weniger stark frequentiert sind, fällt hier ebenfalls Umsatz weg. Wir sind zudem mit dem Chocolarium Museumsbetreiber und mussten dort den Betrieb für mehrere Wochen einstellen. Ausserdem wird das Chocolarium nicht mehr von ausländischen Bustouristen besucht, was sich negativ auf die Besucherzahlen auswirkt. Zudem dürfen weniger Personen gleichzeitig die Erlebniswelt besuchen. Im Bereich Chocolarium waren wir teilweise auf Kurzarbeit, die Produktion hingegen ist durchgehend gelaufen. 

    Wie kam es eigentlich dazu, dass Maestrani das Chocolarium erschuf?
    Ein Freund von mir, der in Dubai lebt, fragte mal bei seinem Schweizbesuch, ob seine Tochter bei Maestrani Schokoladen giessen darf. Das habe ich dann organisiert. Danach hatte sie mich wiederholt gefragt, ob sie wiederkommen darf. Das zeigt schon mal grosses Interesse an Aktivitäten rund um Schokolade auf. Schokoladengiessen haben wir damals in einer alten Schreinerei neben der Maestrani durchgeführt, wo wir Interessierten auch noch einen Film zum Unternehmen zeigten. Diese Schreinerei wurde beim Sturm Lothar stark beschädigt. Es kam dann die Frage auf, wie weiter. Einige wollten ein Museum anstelle der Schreinerei bauen. Für mich war klar, dass ich kein klassisches Museum betreiben wollte, sondern eine Erlebniswelt, wo eine Geschichte erzählt wird und wo es um Emotionen geht. So entstand das Projekt für das Chocolarium. Und Schokoladengiessen ist dort am Ende jedes Rundgangs möglich und ist ein Riesenhit. Wir nahmen an, dass jeder zehnte Besucher seine eigene Schokolade kreieren wird, doch es ist jeder Dritte – ein schöner Erfolg. 

    Seit dreieinhalb Jahren besteht das Chocolarium. Wie hat es sich entwickelt?
    Es hat sich gezeigt, dass es eine richtige Investition war. Es macht uns grosse Freude und den Besuchern ebenso. Viele kommen sogar mehr als einmal, wie sich gezeigt hat. Bis vor Corona waren wir bezüglich Besucherzahlen auf ­Rekordkurs. 2020 wird es nun halt eine Delle geben.  

    Welche weiteren Pläne gibt es für das Chocolarium?
    Es war von Beginn an klar, dass das Chocolarium etwas Lebendiges sein musste. Deshalb organisieren wir regelmässig Events rund um das Thema Schokolade, wie etwa thematische Backkurse zu Halloween oder Guezli backen mit Globi. Dieses Jahr haben wir eine App für eine Outdoor-Spieltour entwickelt. So konnte man das Thema Schokolade schon auf dem Weg zum Museum erkunden. Zudem möchten wir das Chocolarium bald um einen neuen Raum erweitern.  

    In den letzten Wochen eröffnete Lindt und Sprüngli sein «Home of Chocolate» und Läderach das «House of Laederach». Kommt es nun zum Kampf um Marktanteile? 
    Es sind zwei andere Konzepte, welche die Konkurrenz nun aufgegleist hat, obwohl deren Teams mehrmals hier in Flawil waren und sich unsere Erlebniswelt angeschaut haben. Wir sind stolz auf das, was wir machen, und wünschen den anderen viel Glück bei ihren Projekten. Aber ja, schlussendlich ist es eine kompetitive Welt und wir sind gespannt, wie sich der Markt diesbezüglich entwickelt. 

    In der Schweiz wurde gerade von einer Mehrheit der Bevölkerung, aber einer Minderheit der Kantone die Konzernverantwortungsinitiative befürwortet. Wie nimmt Maestrani seine Verantwortung wahr, um Kinderarbeit bei der Kakaoproduktion zu vermeiden? 
    Unser Kakao ist zu hundert Prozent zertifiziert. Wir verlassen uns dabei unter anderem auf Max Havelaar, weil wir als KMU nicht selber ständig vor Ort sein können. Die Zertifizierungsstelle überwacht den Prozess.  

    Sind Sie auch selbst schon auf Plantagen gewesen?
    Ich habe mir in Ghana ein Bild vor Ort gemacht. Das war sehr interessant. Kinder habe ich auf den Plantagen keine gesehen. Aber man muss beim Thema auch vorsichtig sein. Bei uns sieht man am Mittwochnachmittag auch ab und zu Bauernkinder, die auf dem Feld mithelfen. Da würde ich jetzt nicht von Kinderarbeit sprechen. Wichtig ist, dass die Kinder die Schule besuchen. Das ist zentral. Wenn sie ab und zu den Eltern zur Hand gehen, würde ich das nicht überbewerten.  

    Ende Jahr gehen Sie in Pension. Was planen Sie für die «Zeit danach»?  
    Zuerst werden ich einfach mal die kostbare freie Zeit geniessen. Eigentlich hatte ich Reisepläne, doch die ändern sich nun aufgrund der Corona­situation. Ich werde sicher mehr Zeit auf dem Golfplatz verbringen und mit meiner Frau einen Japanisch-Kochkurs besuchen. Zudem habe ich eine enge Beziehung zu einem Neffen mit Downsyndrom. Diesen Kontakt möchte ich noch mehr pflegen.

     

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