• 26.02.2021 07:00 | von Dunja Goop

    "Naturbaustoffe haben riesige Qualitäten"

    Nach seinem Bauingenieur-Studium wollte Andreas Matt ins Ausland. Doch es kam anders. Heute ist er Experte für Naturbaustoffe.

    Herr Matt, Ihre Firma Matt Naturbaustoffe feiert heuer ihr 55-jähriges Jubiläum. In aller Kürze: Welche Geschichte hat Ihr Betrieb?
    Andreas Matt: Mein Vater Paul war lei­denschaftlicher Tiefbauer und grün­dete die Firma 1966. Als ich 1988 ein­getreten bin, machte ich mich daran, den Hochbaubereich weiter auszubauen. Vor etwa 15 Jahren hat dann der Wandel und die dementsprechende Umstruk­turierung von einer konventionellen Baufirma hin zur Naturbaufirma begon­nen. Seit dieser Zeit beschäftige ich mich mit den Baustoffen Lehm und Kalk professionell und habe den Ge­schäftsbereich Naturbau aufgebaut und somit meine Energie vermehrt auf das Verarbeiten von Lehm  und Kalk gesetzt. Seit mittlerweile drei Jah­ren, ist unsere Kernkompetenz der Naturbau. Wir sind heute ein zertifi­zierter Lehmbau-Fachbetrieb, der überregional tätig ist und mit verschie­denen Fachverbänden in der Schweiz und Deutschland vernetzt ist. Somit sind wir auch immer auf dem neusten Stand der Technik.

    Wie kam es zum Wandel weg von konventionellen hin zu Naturbaustoffen?
    Während meines Bauingenieur-Studi­ums habe ich den Baubiologen und Ar­chitekten Heinz Frick kennengelernt, welcher zwischen Indonesien und Liechtenstein pendelte. Er unterrichtete damals am Abend-Technikum Vaduz und an einer Universität in Indonesien. Wenn Heinz Frick in Liechtenstein tätig war, hat er ab und zu in unserem Werkhof an seinen Baustoffmischungen getüftelt und verschiedene Proben angefertigt. Als angehen­der Bauingenieur schüttelte ich nur den Kopf, wenn mir Heinz Frick von Lehm und Kalk erzählt hat. Das Zeitalter von Kalk war Geschichte. Die Zementindustrie hat die traditionellen Baustoffe ersetzt und der Slogan «schneller, weiter, höher und preiswerter» dominierte die Bauwirt­schaft. Heinz Frick und ich kamen immer wieder ins Phi­losophieren und ich habe erkannt, dass in diesen Baustoffen wohl doch mehr Potenzial stecken muss als zu­nächst angenommen. Von diesem Mo­ment an beschäftigte ich mich intensi­ver mit dem Thema, habe Fachbücher gelesen und schliesslich mein Wissen in Weiterbildungskursen vertieft – etwa absolvierte ich in Deutschland eine Weiterbildung zur Fachkraft Lehmbau. So entstand die Idee für ei­nen weiteren Geschäftsbereich.

    Sie stehen dem Familienbetrieb in zweiter Generation vor. War es schon immer geplant, dass Sie den Betrieb übernehmen würden?
    Nein, nicht sofort. Nach meinem Stu­dienabschluss als Bauingenieur 1994 wollte ich eigentlich ins Ausland. Zu jener Zeit gab es gerade einen grossen Bauboom in Fernost. Eigentlich war es mein Plan, dem Land für einige Jahre den Rücken zu kehren und in der Ferne zu arbeiten. Doch es war nicht nur die Zeit grosser Baubooms, son­dern auch jene Zeit, in welcher Com­puter immer mehr Einzug in den be­ruflichen Alltag hielten. Mein Vater war der neuen, jedoch zunehmend un­entbehrlichen Technologie nicht gera­de freundlich gestimmt: «Entweder du kommst ins Geschäft oder ich höre auf. Denn mit dem Arbeiten am Com­puter werde ich mich nicht anfreun­den», sagte er. So habe ich meine Freiheiten an den Haken gehängt, bin in die Firma eingestiegen, habe die Administration übernommen und bin seit 1994 Ge­schäftsführer.

    Arbeitserfahrungen in fernen Ländern konnten Sie somit keine sammeln. Damals ein Problem für Sie?
    Naja, ich hatte eben meine Pflichten und habe mich dafür entschieden, ­diese dann auch wahrzunehmen. Geblieben sind mir jedoch die Reisen in fremde Länder und Kulturen, welche meinen Horizont erweitert und geprägt haben. Vor allem im Winter bin ich schon im­mer gerne und viel ­gereist.

    Naturbaustoffe seien Ihre Passion, schreiben Sie auf Ihrer Webseite. Was fasziniert Sie daran?
    Naturbaustoffe wie Kalk und Lehm ­haben gigantische Qualitäten. Damit können herkömmliche Baustoffe nicht mithalten. Beispielsweise sind sie an­tiallergisch, antistatisch, regulieren die Feuchtigkeit, weshalb es zum Bei­spiel keine Probleme mit Schimmel gibt. Zudem absorbieren sie Gerüche. So riecht ein Haus nicht zwei Tage lang nach Fondue, sondern nur ein paar Stunden. Lehm und Kalk schir­men auch hochfrequente elektromag­netische Strahlung grösstenteils ab.

    Wie steht es um die Nachfrage nach Lehm und Co.?
    Derzeit sind natürliche Oberflächen verstärkt gefragt, da alles, was mit Ge­sundheit zu tun hat, immer hoch im Kurs steht. Dabei umfasst der Begriff «Gesund­heit» heutzutage nicht nur gesundes Es­sen und Fitness. Auch das Wohnambiente, das heisst mit wel­chen Materialien man sich umgibt, hat einen wesentli­chen Einfluss auf unsere Gesundheit. Im eigenen Heim, in das man sich zurückzieht und in dem man sich regeneriert, soll­te man sich mit gesunden Oberflächen umgeben, welche das Immunsystem stärken. In diesem Zu­sammenhang können Naturbaustoffe einen riesigen Mehrwert in Richtung mehr Wohn- und Lebensqualität bieten. Im Grunde holt man sich die Natur ins Haus.

    Welche Nachteile haben Natur­baustoffe?
    Naturbaustoffe sind in Sachen Nach­haltigkeit viel besser als konventio­nelle Baustoffe, jedoch sind sie in der Anschaffung und Ausführung kosten­intensiver. Daher sollte man beim Hausbau bereits bei der Kostenpla­nung ein entsprechendes Budget ein­planen. Ich bin davon überzeugt, dass Lehm- und Kalkoberflächen in den wichtigsten Räumen wie Küche, Schlafzimmer oder in Nasszellen in Zukunft Standard sein werden.

    Kalk oder Lehm – welcher Stoff überzeugt Sie mehr?
    Die Haptik und Eigenschaften sowohl von Kalk als auch von Lehm sind ein­zigartig. Der von mir bevorzugte Bo­denbelag ist aufgrund seiner Aus­strahlung und Energie der Sumpfkalkboden. Auf diesem barfuss zu laufen, ist einfach der Hammer. Ich bin auch ein grosser Lehm-Fan. Jede Oberflä­che hat ihre Einzigartigkeit. Ich kann daher nicht wirklich sagen, ob Kalk oder Lehm mein Favorit ist.

    Woher beziehen Sie die Baustoffe?
    Im Bereich Lehmbau verarbeiten wir Produkte von einer deutschen Firma, welche ein umfassendes Lehmbau­produkte-Programm führt. Die Firma ist die einzige, die meines Wissens zu hundert Prozent mit natürlichen In­haltsstoffen arbeitet. Das ist ganz wichtig, denn nur so kann man die volle Qualität und die Eigenschaften des Lehms ausschöpfen. Im Bereich Kalk importieren wir die Produkte über Zwischenhändler aus Österreich, Deutschland und Marok­ko.

    In Ruggell entsteht gerade eines Ihrer nachhaltigen Bauprojekte. Worum geht es dabei?
    Es handelt sich um ein einzigartiges Bauprojekt, welches in Liechtenstein noch nie so konsequent mit natürlichen Oberflächen umgesetzt worden ist. Ge­baut werden zwei Doppelhaushälften in Massivbau mit autarkem Charakter, einer Energieerzeugung über Foto­voltaik und Wärmeverteilung über Wandheizung. Sämtliche Wandober­flächen im Haus werden mit Lehm- und Kalkputzen ausgeführt. Das Ge­bäude wird von einer Sumpfkalkfassa­de umhüllt und geschützt. Das nächste konsequente ökologische Projekt, ein 5-Familien-Haus, ist schon in Planung.

    Ihre berufliche Leidenschaft sind die Naturbaustoffe. Und Ihre priva­te?
    Sicherlich die Natur, um die komme ich nicht herum. In meiner Freizeit wandere ich gerne und bin im Garten, ein leidenschaft­licher Taucher, Hobby-Winzer und Im­ker.

    Wann ziehen Sie sich in die Natur zurück?
    Zur Erholung und Regeneration. Zum Beispiel wenn ich bei einem Projekt nicht weiterkomme und meine Gedan­ken blockiert sind. Dann gehe ich in meinem Weinberg hinterm Haus, pflege die Reben und be­komme so den Kopf wieder frei und die Gedanken geordnet.

    Was gehört zu einem gelungenen Tag unbedingt dazu?
    Früh aufstehen, gute und intensive Ar­beitsvorbereitung. Wichtig sind mir zu­friedene Mitarbeiter und zufriedene Kunden. Ein Nachmittags- oder Abend­spaziergang mit meiner Liebe und ein gutes Glas vom eigenen Wein oder Vin Mousseux zum Abendessen.

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