• 04.12.2020 06:00 | von Dorothea Alber

    «Konflikte um Steuersubstrat nehmen zu»

    Der Verteilkampf um Steuergelder wird steigen, sind Prinz Michael von und zu Liechtenstein sowie Roland A. Pfister überzeugt.

    Eine Flut an neuen Steuer- und Compliance-Vorschriften haben eine neue Wettbewerbslandschaft geschaffen, die an der Liechtensteiner Steuerkonferenz 2020 im Fokus stand. Prinz ­Michael von und zu Liechtenstein und Roland A. Pfister referierten ­darüber, welche Auswirkungen und Chancen dies für Liechtenstein hat.

    Wie ist es heute, als Treuhänder angesichts der Regulierungsflut tätig zu sein?
    Prinz Michael: Der Beruf eines Treuhänders hat sich inhaltlich nicht wesentlich verändert, weil nach wie vor der langfristige Vermögenserhalt und das Sicherstellen der zweckgebundenen Vermögensausrichtung die Ziele sind. In der Anwendung ist der mit dem Treuhänderberuf einhergehende Administrations- und Beratungsaufwand aber deutlich gestiegen. Weil es aufgrund der Regulierungen sehr viele Doppelspurigkeiten gibt, wäre es gut, wenn die Regulierungen straffer und besser aufeinander abgestimmt wären. Die Regulierungsflut hat einen gewaltigen Kostenschub verursacht. Das bedeutet, es wird schwieriger, Vermögensschutz für kleinere Kunden zu bieten, da dieser in der Relation zur Grösse des Vermögens nicht mehr zahlbar ist.

    Sehen Sie ein gemeinsames Back­office-Hub von Treuhändern als realistische Lösung an? 
    Prinz Michael:  Nein. Trotzdem besteht eine Zusammenarbeit zwischen den Finanzmarktteilnehmern des Landes, um sich untereinander, aber auch mit Behörden wie der Regierung und der FMA abzustimmen. Kunden sind Menschen mit unterschiedlichen Bedürfnissen, die man – und das ist auch gut so – nicht standardisieren kann. Daher ist ein Backoffice-Hub ausgeschlossen, allerdings ist eine Zusammenarbeit von einzelnen Treuhandbüros in gewissen Bereichen, wie bspw. der Buchhaltung, durchaus möglich.

    Was bedeutet die Regulierungsflut für den Kunden gerade angesichts von Steuerreformen? 
    Prinz Michael: Die Frage der Steuerkonformität ist ein globales Problem, da die Steuersysteme extrem komplex geworden sind. Das Paradoxe daran ist: Je stärker das System global vereinheitlicht wird, desto komplexer wird es. Es wird keine Rücksicht mehr auf gewachsene Wirtschaftsstrukturen genommen. Es werden zum Teil Regeln herausgegeben, ohne den Boden der Realität zu sehen. Dabei sind bei Liechtensteiner Unternehmen – aufgrund der Grösse des Landes – fast alle Aktivitäten grenzüberschreitend.

    Roland A. Pfister: Die Steuerkonformität ist nicht nur auf Ebene des Kunden sicherzustellen, sondern ebenfalls auf Ebene einer allfälligen Vermögensstruktur sowie auf Ebene der Anlagen zu gewährleisten. Immer mehr Staaten fangen damit an, die reinen Anlagen zu besteuern. So werden von den USA beispielsweise Erbschaftssteuern auf US-Anlagen eines in der Schweiz wohnhaften Erblassers erhoben, wenn der Wert der US-Aktien mehr als 60 000 Dollar beträgt. Dies nur, weil im Zeitpunkt des Todes US-Vermögenswerte vorhanden sind. Die verschiedenen Steuerebenen werden immer komplexer und unabhängig voneinander besteuert. Die Regeln der Staaten verändern sich permanent und in sehr kurzen Kadenzen, dies ist auch für Treuhänder und Steuerspezialisten eine Herausforderung, da wir über ­diese Flut an Steuernormen den Überblick behalten müssen. Unter dieser Überregulierung leidet sowohl die Planungs- als auch die Rechtssicherheit für die Kundschaft.

    Kaum ist eine neue Vorschrift in Kraft, schon steht eine strengere Regelung in den Startlöchern. Täuscht dieser Eindruck? 
    Prinz Michael: Nein. Dieser Zug fährt weiter, während ein alter Grundsatz verloren gegangen ist: Nämlich jener, eine alte Regulierung erst abzuschaffen, bevor eine neue in Kraft tritt.

    Roland A. Pfister: Länder ringen immer stärker nach Steuersubstrat, darauf gründen Initiativen wie BEPS. Mit dem automatischen Informationsaustausch (AIA) haben Staaten festgestellt, dass sie nicht so einfach an das Steuersubstrat herankommen, wie sie ursprünglich beabsichtigten. Ich glaube, der Fehler der OECD ist, dass man die Industrie in so kurzer Zeit mit so vielen verschiedenen Projekten überhäuft. Banken beispielsweise sollen neue Vorschriften umsetzen, wissen aber noch nicht, wie diese überhaupt genau aussehen.

    Sie sprachen das Steuersubstrat an: Wird die Coronakrise diesen Kampf verschärfen oder werden Staaten ihre Schulden einfach über die Notenbanken finanzieren?
    Roland A. Pfister: Die hohen Staatsschulden werden die Länder dazu bewegen, neue Einkommensquellen zu generieren und bestehende Gesetze stärker durchzusetzen. Die Steuerplanung unter Einhaltung der nationalen und internationalen Steuernormen wird in Zukunft auch in einer steuerlich transparenten Welt noch wesentlich wichtiger werden.

    Prinz Michael: Die Welt lässt sich nicht nur über die Notenpresse finanzieren, aber auch die Steuern lassen sich nicht unendlich hochtreiben. Die Staaten befinden sich in einem gewissen Dilemma, weshalb die Konflikte zwischen den Ländern über die Verteilung der Steuern zunehmen werden. Es lässt sich heute schon der Trend beobachten, dass Steuern nicht mehr am Sitz der Gesellschaft gezahlt werden, sondern dort, wo konsumiert wird. Ich denke, das wird nicht nur zu grossen Disputen, sondern auch zu grossen Rechtsunsicherheiten führen. Die Streitigkeiten werden zunehmen.

    Dieser Verteilkampf hat bereits auf internationaler Ebene begonnen. Welche Änderungen des Steuerrechts werden Liechtenstein besonders beschäftigen?
    Roland A. Pfister: Die Besteuerung von Beteiligungserträgen wird restriktiver. Das System einer bisher doppelten Nichtbesteuerung z. B. einer Gesellschaft in Dubai, die Dividenden nach Liechtenstein zahlt, wird steuerlich unter Umständen nicht mehr ohne Steuerkonsequenzen auf Ebene der Liechtensteinischen Gesellschaft möglich sein. Ausländische Gesellschaften, die in Liechtenstein oder in der Schweiz effektiv verwaltet werden, werden auch vermehrt in diesen Ländern besteuert nach dem Prinzip des «Ortes der tatsächlichen Verwaltung».


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    Exchange Ideas organisiert weltweit industriespezifische Steuerkonferenzen und bietet eine unabhängige Plattform zum Austausch und Networking zu aktuellen Themen in den Bereichen Steuern, Wealth Management und Compliance. Die nächste Liechtensteinische Steuerkonferenz findet am 25. November 2021 statt.

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