• 24.10.2020 12:00 | von Dorothea Alber

    Grosse Betreibungswelle steht bevor

    Die Schuldenberatung in Balzers meldet steigende Fallzahlen, während erste Inkassofirmen mehr Kunden verzeichnen.

    Wer seine Rechnungen in den vergangenen Monaten nicht zahlen konnte, hatte eine Galgenfrist. Während des Lockdowns galt in der Schweiz ein temporärer Betreibungsstopp und so schoben Gläubiger ihre Forderungen vorerst auf. Die Fallzahlen sind deshalb laut Verband der schweizerischen Betreibungsämter im Vergleich zu Vorjahren um bis zu 20 Prozent tiefer.

    Für den Herbst wird eine Welle von Betreibungen und Gläubigerforderungen erwartet, wenn Firmen ihre offenen Rechnungen einfordern. «Bisher warteten manche Gläubiger vielleicht aus Solidarität zu», sagt Stephan Boesch, Präsident der Zentralschweizer Betreibungsämter gegenüber dem «St. Galler Tagblatt». «Jetzt dürften sie ihre offenen Beträge auf einmal einfordern.»

    Steigende Fallzahlen bei der Schuldenberatung in Balzers
    Zwar gab es in Liechtenstein kein Betreibungsverbot, doch auch hier waren viele Firmen kulant mit säumigen Zahlern – bis jetzt. Die Schuldenberatungsstelle in Balzers von der Stiftung «Hand in Hand» verzeichnet steigende Fallzahlen. «Es kommen immer wieder neue Anfragen hinzu», sagt Martina Bocek von der Beratungs­stelle. Ähnliches bestätigt auch Dick Wolff, der seit 2003 ein Inkassounternehmen in Triesen führt. Aufgrund der Coronakrise beginnen Unternehmen nun, ihre ausstehenden Rechnungen einzutreiben, um ihre Liquidität zu sichern. «Wir verzeichnen deutlich mehr Kunden. Meist geht es aber um alte Rechnungen aus dem Jahr 2018 oder 2019», sagt Wolff.

    Die steigenden Fälle von Schuldnern, die ihre Rechnungen nicht zahlen können, liegt aber nicht nur an Corona. In die Schuldenspirale geraten häufig Leute, die ihren Konsum nicht im Griff haben: Als gefährlich erachtet Wolff das heutige Konsumverhalten, ohne etwas Geld für harte Zeiten auf die Seite zu legen. «Heute lässt sich alles finanzieren, sei es das neue Auto, die Möbel oder der Fernseher. Doch wer seinen Job verliert oder durch Kurzarbeit weniger Geld verdient, gerät schnell aus der Bahn», sagt Wolff. Für die Zahnarztrechnung bleibt dann kein Geld mehr übrig.

    Das Volumen an Konsumkrediten ist in der Schweiz in den letzten Jahren stetig gewachsen, auf rund acht Milliarden Franken im Jahr 2019. Wenn durch Kredite kein Spielraum für Unvorhergesehenes bleibt, kann es böse enden.

    Auch in Liechtenstein, das Land mit dem höchsten Pro-Kopf-Einkommen, gebe es viele Menschen mit hohen Schulden, sagt Wolff. Ein Schlägertrupp steht deswegen aber nicht gleich vor der Tür, wie der gebürtige Holländer Dick Wolff betont. Er will mit dem Klischee aufräumen, Geldeintreiber gingen mit der Brechstange vor. Er betont, dass sein Inkassounternehmen das Gespräch mit den Schuldnern sucht, sie anrufen und mit ihnen eine Lösung suchen wolle. «Wenn sich ein Nichtzahler bei uns meldet, dann versuchen wir ihm eine Lösung, zum Beispiel durch Ratenzahlungen, anzubieten. Man kann mit uns reden.»

    Es gibt aber auch hoffnungslose Fälle, wie der Fall einer jungen Frau, Jahrgang 1989, zeigt. Sie hat in kurzer Zeit einen Schuldenberg von 100'000 Franken angehäuft und kauft trotzdem weiter ein. Weil es bereits eine Betreibung gegen sie gab und der Lohn nicht weiter gepfändet werden kann, schauen die Gläubiger ins Rohr – ein Freibrief für die Frau, weiter auf Pump zu kaufen.

    «Wenn ich ein Handy kaufe, obwohl ich weiss, dass ich es nicht bezahlen kann, ist das kriminell.» Wolff kritisiert, dass die Rolle des Täters und Opfers in der öffentlichen Wahrnehmung vertauscht sei. «Ein Zahnarzt oder ein Handwerker, der eine Dienstleistung erbringt, hat das Recht, bezahlt zu werden. Sonst kommt er in finanzielle Schwierigkeiten.» Er nennt ein weiteres Beispiel: Ein Onlineshopbetreiber in Deutschland mit einem Umsatz von drei Millionen Euro muss jedes Jahr 240'000 Franken abschreiben, weil Kunden ihre Rechnungen nicht zahlten. «Viele Firmen erhöhen ihre Preise deswegen. Wir bezahlen also zu viel, weil andere gar nicht erst zahlen», sagt er. Notorische Nichtzahler wälzten Kosten auf brave Bürger.

    Ob eine Rechnung vergessen oder notorischer Nichtzahler: Ein Inkassounternehmen verdiene verdiene nicht schlecht, aber reich werde Wolff nicht, wie er sagt. Er geht selbst nach dem Verursacherprinzip. Warum sollte der Gläubiger auch noch für unsere Kosten aufkommen, die schliesslich der Schuldner verursacht? In der Schweiz ist gesetzlich nicht geregelt, wer für Inkassokosten aufkommen soll. So arbeiten einige Büros in der Grauzone mit überhöhten Forderungen. Auch berichten Betroffene immer wieder von Inkasso-Terror, weil Firmen wie Intrum ihre Kunden täglich mehrmals anrufen oder mit Mails bombardieren.

    Inkassogebühren sind gesetzlich geregelt
    Dass es von manchen Unternehmen einschüchternde, überhöhte Forderungen gibt, daran besteht kein Zweifel, wie etwa die Sendung «Kassensturz» regelmässig aufzeigt. Neben der Grundforderung ist einzig der Verzugszins geschuldet. Dieser beträgt laut Schweizer Gesetz fünf Prozent. In Liechtenstein dürfen Inkassokosten geltend gemacht werden, sofern diese zweckentsprechend und angemessen sind.

    Werden also hohe Gebühren verrechnet, kann sich der Schuldner wehren. Was also tun, damit es erst gar nicht so weit kommt? «Sobald jemand nicht mehr fristgerecht bezahlen kann, ist es sinnvoll, mit den jeweiligen Gläubigern in Kontakt zu treten», sagt Bocek von der Schuldenberatungsstelle. Eine Teilzahlungsvereinbarung anzufragen oder um einen Aufschub zu bitten, seien Möglichkeiten, hier mit den Gläubigern zu verhandeln.

    Welche Möglichkeit besser ist, muss im Rahmen der Gesamtsituation angeschaut werden. Wichtig sei einfach, dass immer im Blickfeld bleiben muss, dass die Rechnungen dann zwar in Raten oder später zu zahlen sind, gleichzeitig aber auch das Ausgabeverhalten den zu zahlenden Raten bzw. den später zu zahlenden Rechnungen angepasst sein muss.

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