• 21.11.2020 13:00 | von Dorothea Alber

    «Exit-Strategie bei Staatshilfen ist wichtig»

    Liechtensteins Finanzsektor hat die Coronakrise gut überstanden. Dennoch bestehen bestimmte Risiken, wie Martin Gächter erklärt.

    Der Finanzsektor ist stabil. Einige Banken haben dennoch bereits Rückstellungen für Kreditausfälle getätigt. Wie gross ist diese Gefahr angesichts der Krise?
    Martin Gächter: Anders als bei der globalen Finanzkrise vor zwölf Jahren geht die Krise dieses Mal von der Realwirtschaft aus. Auf globaler und europäischer Ebene ist zu erwarten, dass es auch im Finanzsektor – insbesondere im Bankensektor – negative Zweitrundeneffekte geben wird, die deutlich verzögert auftreten können. Daher muss im kommenden Jahr insbesondere auf die Verschlechterung der Kreditqualität oder auf einen Anstieg der notleidenden Kredite geachtet werden.

    Was bedeutet dies für Liechtensteins Banken?
    In Liechtenstein sind die Aussichten besser als in anderen Ländern: Einerseits ist zu erwarten, dass diese Effekte schwächer ausfallen werden. Die Ar-beitslosigkeit ist – ähnlich wie bei der globalen Finanzkrise – bisher kaum gestiegen und das Kreditgeschäft ist für die Banken in Liechtenstein nicht die wichtigste Einnahmequelle. Andererseits zeichnet sich der Bankensektor durch eine hohe Verlustabsorptionsfähigkeit aus, weil die Kapitalisierung im internationalen Vergleich deutlich überdurchschnittlich ist. Selbst wenn Verluste auftreten sollten, wäre der Bankensektor in Liechtenstein für diese Herausforderungen insgesamt gut aufgestellt.

    Ökonomen befürchten, dass 18 Monate Kurzarbeit in Liechtenstein nicht risikolos sind. Wie sollte die Regierung den Ausstieg aus den Massnahmen gestalten?
    Grundsätzlich ist das Instrument der Kurzarbeit das vielleicht wichtigste der Fiskalpolitik, um die negativen Effekte der Krise abzufedern. Wenn die Arbeitsplätze in der Krise gehalten werden können – in diesem Fall mit der Unterstützung von öffentlichen Geldern – so stehen diese Kapazitäten in der nachfolgenden Erholung sofort wieder zur Verfügung. Arbeitsplätze, die in der Krise verloren gehen, können nur langsam wieder geschaffen werden. Trotzdem muss man sich im Klaren sein, dass fiskalische Unterstützungsmassnahmen auch negative Auswirkungen haben können.

    Inwiefern?
    Wenn diese zu Fehlanreizen führen oder zu lange andauern. Tendenziell steigen also die Risiken solcher Massnahmen, je länger sie dauern. Solange wir mitten in der Krise sind, sollten diese Massnahmen unbedingt beibehalten werden. Danach ist jedoch eine Ausstiegsstrategie wichtig: Einerseits, um die soliden öffentlichen Finanzen nicht zu gefährden, die ein wichtiger Stabilitätsanker für die heimische Volkswirtschaft sind. Andererseits könnten zu grosszügige Unterstützungsmassnahmen dazu führen, dass Unternehmen, die ohnehin Bankrott gehen würden, dies für längere Zeit hinauszögern können. Dies würde die Produktivität langfristig negativ beeinflussen und damit zu einem niedrigeren Potenzialwachstum führen.

    Besteht die Gefahr, dass nach der  Coronakrise eine Finanzkrise folgt bzw. wie kann das Ausweiten der Krise auf den Finanzsektor verhindert werden?
    Auf europäischer Ebene wird natürlich alles dafür getan, dass aus der realwirtschaftlichen Krise keine Finanzkrise wird. Dieses Mal ist die Krise eben nicht im Finanzsektor entstanden. Zudem hat die stärkere Regulierung, die als Antwort auf die Finanzkrise durchgesetzt wurde, dazu geführt, dass die Banken heute deutlich stabiler aufgestellt sind, als dies vor der Finanzkrise der Fall war. Die Kapitalisierung ist international deutlich höher, und je nach den identifizierten Risiken – institutsspezifische oder systemische Risiken, die den ganzen Finanzsektor betreffen – können die Aufsichtsbehörden zusätzliche Kapitalpuffer vorschreiben.

    Banken können also Schocks besser verkraften?
    Ja, die Banken können Verluste heute besser verkraften als noch vor zehn Jahren. Vonseiten der Aufsichtsbehörden werden die Banken sogar ermuntert, in der Krise ihre Kapitalpuffer auszunutzen, damit es für die Realwirtschaft nicht zu einer Kreditklemme kommt. So gesehen wäre das Ziel, dass der Finanzsektor dieses Mal als stabilisierender Faktor Teil der Lösung ist, indem er die wirtschaftliche Erholung durch eine ausreichende Kreditvergabe unterstützt.

    Die verwalteten Kundenvermögen der Banken des Landes sind deutlich gesunken.
    Die verwalteten Kundenvermögen sind mit der Finanzmarktkorrektur im März im Bankensektor deutlich ge-sunken, im ersten Quartal um rund CHF 33 Mrd. oder knapp 10% auf konsolidierter Ebene.

    Wird dieser Trend angesichts der Krise weitergehen?
    Die Finanzmärkte – sowohl Aktien- als auch Anleihenmärkte – haben sich inzwischen wieder deutlich erholt, und dies macht sich auch bei den verwalteten Kundenvermögen bemerkbar. Mitte des Jahres war bereits die Hälfte dieses Rückgangs wieder aufgeholt und vorläufige Daten deuten darauf hin, dass sich das Volumen der verwalteten Kundenvermögen mittlerweile wieder mehr oder weniger auf dem Niveau von Ende 2019 bewegt. Neben der Finanzmarkterholung haben dabei auch Nettoneugeldzuflüsse eine Rolle gespielt.

    Der Schweizer Franken als sicherer Hafen zieht also in Krisenzeiten?
    Ja, der Schweizer Franken und Liechtenstein sind als sicherer Hafen in der Krise für internationale Anleger wieder interessant. Insgesamt setzt sich also der positive Trend – mit der kurzen Unterbrechung am Höhepunkt der Krise im März – bei den verwalteten Kundenvermögen voraussichtlich fort.

    Effizienzindikatoren der Banken liegen unter dem europäischen Durchschnitt. Müssen Banken ihre Kosten dringend senken?
    Die unterdurchschnittlichen Kennzahlen bei der strukturellen Effizienz, wie z. B. das relativ hohe Kosten-Ertrags-Verhältnis, ist in Liechtenstein teilweise durch das Geschäftsmodell be-dingt. Private Banking und Vermögensverwaltung haben naturgemäss sehr hohe regulatorische Compliance-Anforderungen, das Geschäftsmodell ist daher sehr personalintensiv. Die FMA sieht diesbezüglich kein akutes Problem, jedoch sollte man für eine langfristig nachhaltige Profitabilität auf jene Indikatoren achten, bei denen man international noch nicht so gut dasteht.

    Angesichts des Niedrigzinsumfeldes sind die Banken finanziell gefordert.
    Die Herausforderungen in Bezug auf die Profitabilität sind in Liechtenstein weniger ausgeprägt sind als in anderen Ländern, in denen die Banken in erster Linie auf das Kreditgeschäft bauen und durch die niedrigere Zinsmarge nun die Gewinne dahinschmelzen. Anders ausgedrückt, ist Liechtensteins Bankensektor also weniger betroffen vom Niedrigzinsumfeld als Banken in anderen Ländern. Trotzdem bleibt das globale Finanzmarktumfeld auch für die liechtensteinischen Banken herausfordernd. Eine dringende Kostensenkung ist nicht notwendig, Kostenbewusstsein ist aber wichtig, um weiter in innovative Projekte investieren zu können.

    Die privaten Haushalte in Liechtenstein sind aufgrund der hohen Verschuldung verwundbar bei Zinsanstiegen. Könnten sie einen solchen verkraften oder müssten manche ihr Haus verkaufen?
    Grundsätzlich kann sich ein Land eine höhere Verschuldung leisten, wenn die Volkswirtschaft und der Finanzsektor gut entwickelt sind. Die niedrige Verschuldung im Unternehmenssektor und im öffentlichen Haushalt, hohe Jobsicherheit und ein hohes Einkommen erlauben es den Haushalten in Liechtenstein, sich nachhaltig höher zu verschulden, ohne dass dies automatisch zu Problemen führt. Die steigende Verschuldung in den letzten Jahren – relativ zum BIP und zu den verfügbaren Einkommen – stellt daher kein akutes Problem dar, sollte aber aus einer Finanzstabilitätsperspektive auch nicht ungebremst so weitergehen.

    In schwierigen Zeiten ist eine hohe Verschuldung aber problematisch.
    Je höher die Haushalte verschuldet sind, umso anfälliger sind sie auf unerwartete makroökonomische Schocks, z. B. ein Verlust des Arbeitsplatzes oder ein Anstieg der Zinsen. Daten zur Hypothekarvergabe der Banken zeigen, dass die Kreditvergabe in Bezug auf die Beleihungssätze relativ nachhaltig ist, d. h. der Anteil an Krediten, bei denen die Eigenmittel weniger als 20 Prozent ausmachen, sind sehr gering. Was jedoch auffällt, ist die Tatsache, dass die Schulden bei vielen Haushalten relativ zum Einkommen hoch sind. Es dürfte also relativ oft der Fall sein, dass die Hypothek durch einen hohen Wert der Liegenschaft gut besichert ist, dass aber die Verschuldung relativ zum Einkommen hoch ist. Für diese Haushalte wäre ein abrupter Zinsanstieg potenziell ein Problem.

    Wie würde sich das auswirken?
    Dies würde sich nicht auf alle gleichzeitig auswirken, weil es einen grossen Anteil an Fixzinshypotheken gibt, jedoch sind knapp ein Viertel der Wohnimmobilienkredite in Liechtenstein so genannte «Exception-To-Policy»-Hypotheken. Das heisst, dass es sich um Kredite handelt, die in Bezug auf die Tragbarkeit nur als Ausnahme von den geltenden internen Regeln der Banken vergeben wurden. Es gibt also durchaus Risiken, allerdings werden diese von der FMA nicht als akut angesehen, auch deshalb, weil es in Liechtenstein einige risikomindernde Faktoren gibt, die man entsprechend berücksichtigen muss. Die Zinsen müssten wohl schon unerwartet stark ansteigen, dass es zu grösseren Verwerfungen am Immobilienmarkt kommen würde.

    Ist es aus Sicht der FMA angezeigt, dass die Banken Immobilienkredite künftig restriktiver vergeben?
    Die FMA sieht die hohe Haushaltsverschuldung zwar nicht als akutes Risiko, aber es handelt sich um ein systemisches Risiko, welchem man in Liechtenstein eine höhere Aufmerksamkeit schenken muss. Die vertiefte Risikoanalyse, welche die FMA im vergangenen Jahr durchgeführt hat und die derzeit auch im Ausschuss für Finanzmarktstabilität diskutiert wird, trägt zu einem stärkeren Risikobewusstsein bei und dient als Diskussionsgrundlage dafür, wie man die Risiken in Zukunft entsprechend adressieren kann.

    Die Vergabekriterien anzupassen, ist demnach nicht nötig?
    In Anlehnung an die Schweiz gelten bereits jetzt bestimmte kreditnehmer-basierte Massnahmen, wie z. B. ein maximaler Beleihungssatz oder Vorgaben zur Amortisation. Liechtenstein ist daher bei bestimmten risikomindernden Massnahmen im Immobilien- und Hypothekarsektor weiter als die meisten anderen EWR-Länder. Eine weitere Feinabstimmung bei der Kalibrierung dieser Instrumente kann natürlich trotzdem diskutiert werden, auch die Schweiz hat die Regeln letztes Jahr – insbesondere für Renditeobjekte – weiter verschärft. Massnahmen zur Risikominderung müssen aber nicht zwangsläufig neue Regeln oder Vorgaben sein. Wichtig ist in erster Linie das Risikobewusstsein – sowohl bei den betroffenen Haushalten als auch bei den Finanzintermediären.

    *Das Interview wurde schriftlich geführt.

    Geteilt: x