• 25.10.2020 12:00 | von Dorothea Alber

    «Es besteht eine gewisse Gefahr»

    Viele Firmen arbeiten wieder vermehrt im Homeoffice. Wie bleiben Mitarbeiter nun auch psychisch gesund?

    Michaela und Marc Risch führen das Clinicum Alpinum in Gaflei. Im Interview sprechen sie darüber, welche Faktoren Mitarbeiter im Homeoffice gesund halten.

    Was sind Ihrer Ansicht nach die grössten Herausforderungen, wenn Mitarbeiter hauptsächlich im Homeoffice arbeiten?
    Michaela Risch: Eine Herausforderung ist es in erster Linie, sich als Mitar­beiter im Homeoffice selbst zu strukturieren. Ein ganz einfaches Beispiel dafür wäre, sich anzuziehen und sich nicht im Pyjama vor den Laptop zu setzen. Zudem ist es wichtig, sich abzugrenzen. Wenn der Computer immer in Sichtweite auf dem Esszimmertisch steht, dann checkt ein Mitarbeiter bei jeder Gelegenheit seine Mails und macht kaum Pausen.

    Wie sieht es von der psychologischen Seite aus?
    Marc Risch: Homeoffice ist seit Beginn der Pandemie aus der Not heraus entstanden. In der Regel ist Homeoffice etwas, das man sich als Angestellter verdienen muss – sprich verdiente Mitarbeiter haben diesen Vertrauensbonus. Homeoffice in der Form wie wir es heute sehen bzw. wie es heute «verordnet» wird, bedeutet aber auch eine gewisse soziale Exklusion, weil dadurch die so wichtigen sozialen Kontakte abnehmen. So wie Homeoffice jetzt in Unternehmen angeordnet wird, muss man sich nicht wundern, dass eine gewisse Gefahr besteht und Führungskräfte im Umgang mit den Kolleginnen und Kollegen im Homeoffice besonders gefordert sind. Wichtig am Arbeitsplatz sind die Arbeitskollegen, die andere wahrnehmen und merken, wenn es ihnen einmal nicht gut geht. Die Pausen- und Mittagsgestaltung fehlt im Moment und ein «Bis morgen» fehlt genauso.

    Homeoffice während einer Pandemie bedeutet aber eine zusätzliche Belastung?
    Marc Risch: Ja, das Homeoffice, das wir im März gesehen haben und nun im Herbst in einer zweiten Welle partiell wieder sehen werden, heisst nicht nur einfach ich arbeite ab jetzt zu Hause. Der Partner arbeitet vielleicht dann auch im Homeoffice und die Kinderbetreuung muss geregelt werden. An dem Punkt ist mir wichtig, dass der Arbeitgeber das Thema Arbeitsplatzgestaltung aufnimmt. Wo arbeiten die Mitarbeiter und vor allem haben sie einen Arbeitsplatz, der als solcher auch definiert ist? In der Organisationspsychologie z. B. ist definiert, dass im Schlafzimmer kein Arbeitsplatz eingerichtet werden sollte.

    Michaela Risch: Es gibt auch gesetzliche Regelungen dazu, wie ein Arbeitslatz zu Hause aussehen soll. Mich verwundert es daher, dass sich Arbeitgeber dazu nicht mehr Gedanken machen.

    Viele Firmen setzen auf Split Operation und wechselnde Teams – hat sich das Konzept bewährt?
    Marc Risch: Ich denke, ideal ist es, wenn sich Teams wochenweise abwechseln. Aber auch hier ist es wichtig, sich auch physisch zu treffen. Warum sich also nicht für eine Sitzungen in der Woche physisch treffen, wenn die Schutzkonzepte eingehalten werden und zum Beispiel Masken getragen werden? Ich erachte das als wichtig. Die Frage «wie geht es dir» ist eine zentrale Frage, die Arbeitgeber sowie Führungskräfte ihren Mitarbeitern stellen sollten. Viele Mitarbeiter haben im Moment auch Ängste, auf die Vorgesetzte eingehen sollten. Video-Konferenzen sind zwar ein probates Mittel, doch die Resonanzen in der realen Welt sind extrem wichtig. Mich verwundert es nicht, dass jemand in der Quarantäne vereinsamt und «fast verrückt» werden kann.

    Sie sprechen sich also dafür aus, sich trotz allem zu treffen?
    Marc Risch: Mein Appell lautet, vorsichtig zu sein, aber auch zu einer ­neuen Normalität zu finden und sich unter Einhaltung der Schutzkonzepte durchaus auch für kleinere Sitzungen zu treffen. Meetings, bei denen mehr als sechs Leute an einem Tisch sitzen, haben früher schon nichts gebracht. (lacht)

    Unternehmen sollten aber auch dafür Sorge tragen, wie Mitarbeiter im Homeoffice arbeiten?
    Michaela Risch: Ja, auf jeden Fall, der Arbeitgeber hat eine Fürsorgepflicht, die er auch dann erfüllen sollte – auch für die Mitarbeiter im Homeoffice. Es ist wichtig, die Mitarbeiter regelmässig zu kontaktieren und sie zu fragen, ob sie etwas brauchen oder ob alles in Ordnung ist – nicht nur per E-Mail. Ich muss zugeben, dass wir das im Frühling bei unseren Mitarbeitern etwas häufiger machen hätten können. Ich denke, es ist wichtig, darauf zu achten, dass Mitarbeiter nicht 12 oder 13 Stunden vor dem Bildschirm sitzen und sich überlasten.

    Ist die Gefahr grösser, im Home­office psychisch zu erkranken?
    Marc Risch: Nein, das denke ich nicht. Arbeit ist ein gesunderhaltender Faktor und macht per se nicht krank. Die grösste Gefahr sehe ich für High-Performer, die viel leisten, aber sich nicht gut strukturieren und abgrenzen können. Die grösste Kunst ist die Selbstorganisation.

    Die Gefahr, im Homeoffice zu vereinsamen, besteht. Wie lässt sich das verhindern?
    Der Arbeitgeber kann viel beitragen, um dies zu verhindern. Indem er Mitarbeiter motiviert, Zeit im Team miteinander zu finden und dabei die Schutzmassnahmen einzuhalten.

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