• 15.10.2020 17:50 | von Dorothea Alber

    «Der Tod meiner Brüder hat mich geprägt»

    Sebastian Gunsch ist Kellermeister der Hofkellerei in Vaduz. Der gebürtige Südtiroler erzählt über sein Leben und seine Arbeit.

    Herr Gunsch, wie sieht Ihr Resümee zur diesjährigen Weinernte aus?
    Sebastian Gunsch: In diesem Jahr sind die Reben früh aufgeblüht. Der Sommer war wechselhaft – nicht zu nass, aber auch nicht zu trocken. Der schöne Herbst und die Föhnlage sind das Beste, was den Trauben passieren konnte. Durch die kühlen Nächte im September ist das Reifeverhältnis genau richtig. Dieses Jahr haben wir bis zu 97 Öchslegrad beim Pinot Noir gemessen.

    Es dürfte also ein guter Jahrgang werden?
    Ja, es wird ein sehr schöner Jahrgang. Quantitativ haben wir deutlich weniger geerntet als in den Jahren zuvor, aber das tut der Qualität keinen Abbruch – im Gegenteil. Der Grund dafür ist zum einen, dass es im Frühjahr zur Verrieselung kam und daher aus den Blüten weniger Trauben reifen. Zum anderen kann es sein, dass die Reben nach den sehr ertragreichen Vorjahren kompensieren.

    Wollten Sie schon immer als Winzer oder Kellermeister arbeiten?
    Nein, ich hatte ursprünglich andere Pläne. Ich bin gebürtiger Südtiroler und kam 1983 als Saisonarbeiter in der Gastronomie nach Liechtenstein. Danach war ich als Waldarbeiter in der Lawinenverbauung und als Monteur in einer Schreinerei tätig. Ich wollte schon immer mit Holz arbeiten. Doch auf Montage war ich so viel unterwegs, dass meine neugeborene Tochter damals zu Fremdeln begann. Als ich die Stellenausschreibung der Hofkellerei sah, war für mich klar: Ich musste mich bewerben.

    Um dann viel über Wein zu lernen ...
    Ja, ich habe sehr viel vom alten Kellermeister gelernt, der mir sein Vertrauen schenkte. Zudem habe ich mich durch Weinbaukurse in der Schweiz weitergebildet. Seit 28 Jahren arbeite ich nun in der Hofkellerei und fühle mich noch immer wohl. Ich liebe die Arbeit in der Natur und ich könnte mir heute keine andere Arbeit vorstellen.

    Wieso haben Sie Südtirol verlassen?
    Ich bin auf einem Bergbauernhof im Vinschgau aufgewachsen. Im Winter gab es dort wenig zu tun und so hat mir ein Stellenvermittler einen Job im Restaurant Scesaplana in Malbun besorgt.  Die Besitzer Pia und Rudi waren wie Eltern für mich. Eigentlich hatte ich nicht vor, zu bleiben – bis ich mich in eine Triesenbergerin verliebte.

    Südtirol und Wein: Das passt wie die Faust aufs Auge. 
    Viele denken, dass ich schon in Südtirol viel mit Wein zu tun hatte. Aber das Bergdorf Matsch liegt auf 1800 Metern (ü. M.). Zu hoch, als dass hier Weinreben wachsen würden. Ich habe Wein aber immer schon gerne getrunken (lacht).

    Wo trifft man Sie, wenn Sie nicht im Weinkeller sind?
    Dann trifft man mich in meinem Schrebergarten in Vaduz. Seit 12 Jahren verbringe ich vor allem im Sommer fast jede freie Minute dort. Für mich gibt es fast nichts Schöneres, als den Abend dort mit einem Glas Wein ausklingen zu lassen. Früher bin ich auch noch sehr viel gewandert, inzwischen trifft man mich in den Bergen etwas seltener an.

    Was hat Sie im Leben geprägt?
    Das ist ganz klar die Geburt meiner Kinder. Eine eigene Familie zu gründen, ist das Schönste überhaupt. Allerdings haben mich auch schwere Zeiten geprägt: Meine beiden Brüder sind durch Unfälle ums Leben gekommen. Einer auf dem Bau, der andere durch einen Autounfall. Auch wenn die Eltern sterben, ist das Leben nicht mehr das Gleiche und vor allem das Nachhausekommen nach Südtirol ist nicht mehr dasselbe. Umso schöner ist, dass ich bei meinem Bruder, der den elterlichen Hof übernommen hat, immer willkommen bin. Er sagt, dass er immer einen Platz für mich hat. Inzwischen bin ich aber in Liechtenstein daheim und würde nicht mehr zurückgehen, um in Südtirol zu leben.

    Sind Sie noch oft in Südtirol?
    Zweimal im Jahr bin ich in der alten Heimat und ich verbringe meine Sommerferien dort. Mein Bruder plant dann einige Bergtouren. Matsch ist von vielen 3000ern umgeben – 14 sind es insgesamt an der Zahl. Dieses Jahr habe ich meine Ferien wegen Corona aber zu Hause in Liechtenstein verbracht.

    Gibt es etwas, das Sie bereuen, nicht getan zu haben?
    Wenn ich nochmal jung wäre, dann würde ich gleich eine Ausbildung zum Winzer machen – oder zum Schreiner.  Wein fasziniert mich, ich liebe es, mit anderen Winzern darüber zu fachsimpeln. Im Herbst vor dem Wimmeln bin ich so nervös, ob das Wetter mitspielt, dass ich oft nicht ruhig schlafen kann. 

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