• 24.10.2020 20:54 | von Gary Kaufmann

    Mit den Kleinstaatenspielen geködert

    Fabio Toscan hat seine Sportlernationalität zu Liechtenstein gewechselt. Der Schwimmer will das Land international vertreten.

    Das Mitglied des Schwimmvereins St. Gallen-Wittenbach beschreibt sich selbst als zielstrebige Persönlichkeit – sowohl in sportlicher Hinsicht als auch bei seinem Studium an der Universität St. Gallen: «Wenn ich mir etwas vornehme, versuche ich das möglichst gut zu erreichen.» Fabio Toscans grösster Erfolg ist bislang die Bronzemedaille an der Sommer-Schweizermeisterschaft 2019 in Lancy über 200 Meter Rücken, eine seiner Lieblingsdisziplinen. 

    Bei den nächsten Kleinstaatenspielen 2023 in Malta und anderen internationalen Wettkämpfen möchte der Doppelbürger neu den Liechtensteiner Schwimmverband (LSCHV) bei der Medaillenjagd unterstützen. Aus diesem Grund hat er kürzlich seine Sportlernationalität von der Schweiz zu Liechtenstein gewechselt. Seinen ersten Auftritt unter der neuen Fahne hatte er vor einem Monat an den Mehrkampfmeisterschaften in Eschen. In der nationalen Gesamtwertung (Landesmeisterschaft) holte er damals den zweiten Rang hinter Christoph Meier.

    Wackelnde Landesrekorde im Rückenschwimmen
    «Auf die Idee zum Wechsel brachte mich Nationaltrainer Tobias Heinrich», erklärt der 1999 Geborene. Dieser habe ihm attraktive Möglichkeiten aufgezeigt, dass er dadurch ein Kandidat für die Kleinstaatenspiele sei. Denn die Qualifikationskriterien hierfür erfüllt Toscan bereits. «Seine Präsentation hat mich überzeugt. Genauso das Auftreten des ganzen LSCHV-Teams, das mich auf diesem Weg begleiten möchte. Da ist mir die Entscheidung leichtgefallen.» In Liechtenstein hat der Schwimmer nie gewohnt. Es ist mehr der gepflegte Kontakt zu den Familienmitgliedern aufseiten des Vaters, die im Land wohnen und ihn mit dem Fürstentum verbinden. 

    Heinrich hörte im Gespräch mit Mutter Angelika Toscan, Nachwuchstrainerin beim SV St. Gallen-Wittenbach, aufmerksam zu, als sie eine Blutslinie nach Liechtenstein erwähnte. Er spricht von einem «Glücksgriff» – für beide Seiten. «Für Fabio Toscan ist es eine Möglichkeit, ins internationale Geschäft hineinzuschnuppern, wir können mit ihm eine Lücke zu unserem vielversprechenden Nachwuchs schliessen», so der Nationaltrainer. Diese sei unter anderem durch die Rücktritte von Theresa Banzer und Patrick Vetsch entstanden, die etwa im selben Alter wie Toscan sind. Der neue Liechtensteiner Schwimmer passe auch vom Charakter her gut zum Verband. «Er vertritt Attribute wie Fleiss, Beharrlichkeit und Engagement. Das macht ihn zu einem super Vorbild für unsere jungen Athleten.» Ausserdem decke er als Rückenspezialist eine gewisse Achillesferse der Liechtensteiner Schwimmszene ab. «In dieser Disziplin werden schon bald die Landesrekorde wackeln», ist Heinrich überzeugt. Hierfür muss Toscan Zeiten von 26.21 (50 m), 58.53 (100 m) und 2.07.33 (200 m) schlagen. Etwas, was ihm gemäss der Rekordliste des eigenen Vereins auf den zwei längeren Distanzen schon gelungen ist – allerdings schwamm er die entsprechenden Wettkämpfe noch für die Schweiz. 

    Was die Zusammenarbeit betrifft, trainiert Toscan weiterhin in St. Gallen mit seinem bisherigen Coach. Der Nationaltrainer übernimmt mehr die Rolle als Teamchef, der Dienstleistungen bereitstellt und den Kaderathleten unterstützt. Zum Beispiel was Freistellungen von der Universität für wichtige Termine oder Wettkämpfe angeht. Ansonsten wird Toscan hauptsächlich an Lehrgängen und Trainingslager des LSCHV teilnehmen. Einzelne Trainings in Liechtenstein sind möglich, falls er einmal Termine seines Vereins aufgrund zeitlicher Überschneidungen mit dem Studium nicht absolvieren kann.

    Olympische Spiele sind aktuell kein Thema
    Der Nationenwechsel von Fabio Toscan kommt dem LSCHV vor allem in Hinblick auf Malta 2023 gelegen. Da seine Aushängeschilder Julia Hassler und Christoph Meier, die bei der letzten Austragung 2019 in Montenegro für 12 der 20 Liechtensteiner Edelmetalle verantwortlich waren, nach aktuellem Kenntnisstand nicht mehr teilnehmen werden. «Wir Schwimmer sind bei den letzten Austragungen stets ein Medaillengarant gewesen und wollen das auch bleiben», unterstreicht Heinrich. Durch den Neuzugang hofft der Verband weiter, in drei Jahren in beiden Geschlechtern ein Staffel-Team stellen zu können.

    Auf internationaler Ebene peilt der Student vor allem eine Teilnahme an der Universiade 2021 in Chengdu, China, sowie die Kleinstaatenspiele 2023 in Malta an. Angesprochen auf die Olympischen Spiele 2024 sagt er: «Es wäre eine super Sache, aber darauf arbeite ich nicht Tag für Tag hin. Als Sportler muss man immer einen Bezug zu den Zielen haben.» Vier Jahre seien noch eine lange Zeit, weder die Limiten noch die potenziellen Liechtensteiner Kandidaten sind bekannt. «Wir wollen jetzt nicht unnötig Druck aufbauen», pflichtet Tobias Heinrich ihm bei. «Wir sind froh über jemanden, der bei den Herren im Schweizer Feld unter die Top 8 schwimmen kann und das Potenzial für eine internationale Rolle hat. Alles andere wird sich zeigen.» Dabei ist dem Nationaltrainer bewusst, dass es bei Fabio Toscan in der Schweiz nicht dafür gereicht hat wegen der qualitativeren Breite des grösseren Nachbars. Anders bei seinem Bruder Marius. Der 18-Jährige schaffte vergangene Saison den Sprung in den Nationalkader. Laut dem älteren Bruder fühle er sich dort gut aufgehoben; ein Wechsel der Sportlernationalität zu Liechtenstein ist für ihn also nicht interessant. 

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