• 04.05.2021 06:00 | von Philipp Kolb

    Der Ruggeller an der YB-Meisterfeier

    Kommunikationsprofi Georges Lüchinger gehört seit 2016 dem Verwaltungsrat der Berner Young Boys an. Seither gab’s vier Meistertitel.

    Rückblende: Es ist der 6. März und eineinhalb Stunden vor der Partie YB gegen Vaduz treffen langsam, aber sicher die Journalisten im Wankdorf-Stadion ein. Nationale Medien sind vertreten, aber natürlich auch Berner und Liechtensteiner Journalisten machen sich bereit für das Samstagspiel der 24. Run­de. Im Medienraum steht ein Ruggeller im YB-Anzug und spricht sowohl mit Berner wie auch Liechtensteiner Journalisten. Georges Lüchinger kennt die Medienvertreter beider Lager. So wie an diesem speziellen Spiel hat das frühere LFV-Vorstandsmitglied in dieser Saison, in der YB zum vierten Mal in Folge Meister wurde, praktisch kein Spiel verpasst. «Die Partien in Vaduz und St. Gallen sind geografisch eigentlich mehr meine Heimspiele als die in Bern», lacht Lüchinger und ergänzt: «Ich war bis auf wenige Ausnahmen wirklich immer dabei. In dieser speziellen Zeit läuft sonst ja auch gar nichts und die Spiele haben mir gut getan. Wichtig ist für mich aber auch eine gesunde und professionelle Nähe zur Geschäftsleitung und meinen Verwaltungsratskollegen in Bern.» Sieben Personen gehören dort dazu und eben einer davon ist Lüchinger, der für die Kommunikation zuständig ist. 

    Kommunikationsprofi mit Fussball-Background
    In dieser Sparte ist Lüchinger zu Hause. Seit 2003 arbeitete er im Kommunikationsbereich für den 2018 verstorbenen Andy Rihs und kam so auch zum Handkuss bei YB. Dazu kommt bei Lüchinger der fussballerische Background. In einem Interview meinte der Ruggeller einmal: «Ich war als Junior nicht übertalentiert, zu klein und zu dick.» Dafür sass er mit 16 Jahren bereits im Vorstand beim FC Montlingen. Später war er Co-Trainer beim USV Eschen/Mauren, trainierte dort auch die A-Junioren und wechselte dann zum FC Ruggell, bevor es ihn via Koblach nach Widnau zog. Bei den Rheintalern bestritt er mit seiner Mannschaft erfolgreich die Aufstiegsspiele gegen Boncourt (Jura) in die 1. Liga. Lüchinger war auch Assistenztrainer in der österreichischen Bundesliga und Vorstandsmitglied beim LFV und ist Uefa- und Fifa-Delegierter. Beim LFV stand er zudem unter dem früheren YB-Trainer Bidu Zaugg als Teammanager in der WM-Quali im Einsatz. Als Spieler standen damals noch der heutige Vaduz-Trainer Mario Frick und der aktuelle Natitrainer Liechtensteins, Martin Stocklasa, auf dem Platz. Doch was macht Lüchinger konkret bei YB im Bereich Kommunikation? «YB hat eine Strategie und ich unterstütze den Kommunikationschef Albert Staudenmann bei dieser. Er kann mich anrufen, wenn er mich braucht. Das passiert öfters, wenn es um Communiqués geht. Die Art der Kommunikation bei YB ist hervorragend. Sie ist offen, transparent und bodenständig. Genauso wie ich es auch machen würde.» Derweil läuft vieles im Tagesgeschäft, wo der Verwaltungsrat nicht eingreifen will und muss. YB kommuniziert also nicht nur richtig – der Verein macht es auch sympathisch. 
    Die grossen Töne wie in Basel oder noch früher bei den Zürcher Vereinen nach erfolgreichen Saisons fehlen in Bern. Sieht dies Lüchinger auch so? «Wir äussern uns nicht über das Geschehen bei anderen Clubs. In Bezug auf YB ist es wohl eine Mentalitätsfrage. In Bern ist diese sehr gut – ähnlich wie im Rheintal. Ich fühle mich darum als Rheintaler in Bern auch extrem gut. Berner geben nicht an – genauso wie die Rheintaler. Es wird gearbeitet und bei Erfolgen freut man sich. Abheben ist fehl am Platz. Auch der FC St. Gallen würde dies so machen, da bin ich mir sicher.» Dabei hätten die Berner Grund zum Abheben. Die Art und Weise wie YB den diesjährigen Titel gewann, ist beeindruckend. Trotz sicherem Titel wird aber konzentriert weitergespielt. Seit der Titel fix ist, standen drei Spiele an und YB hat zwei davon gewonnen. «Auch dies gehört zur Mentalität. Ich weiss nicht, ob wir noch irgendeinen Rekord erreichen können wegen der Punktezahl. Der Job ist mit dem Titel aber noch nicht gemacht, die Saison ist noch nicht fertig. Wenn man was macht, zieht man es durch, und ich bin sicher, die Mannschaft zieht diese Saison bis zum Schluss durch.» 

    «Der FC Vaduz holt wohl das Optimum heraus»
    Spannender als der Titelkampf ist in diesem Jahr der Abstiegskampf. Mittendrin der FC Vaduz. Für Lüchinger wird beim Liechtensteiner Verein sehr gute Arbeit geleistet. «Es ist schön, wenn ein Verein mit dem klar tiefsten Budget erfolgreich sein kann. In Vaduz wird derzeit wohl das Optimum aus den Möglichkeiten herausgeholt. 33 Punkte stehen auf dem Konto, da kann man nicht von Glück reden», so Lüchinger und weiter: «Hier kann man die Treffer nach stehenden Bällen als Beispiel bringen. Der Trainer hat klar verstanden, wo die Stärken und Schwächen sind, und die Stärken noch stärker gemacht.» 
    Orakel spielt Lüchinger aber nicht gern, vor allem weil im Abstiegskampf nun noch sehr viel möglich ist. «Ich bin sicher, dass die Mannschaft, die am coolsten bleibt, nichts mit dem Abstieg zu tun hat. Fussball spielen können alle, denn jedes Team hat bereits 30 Punkte oder mehr auf dem Konto.» Spannend sei der Abstiegskampf aber auf jeden Fall und zeige auch auf, wie ausgeglichen die Liga geworden ist. Jubeln werden am Schluss mehrere Teams, die knapp dem ­Abstieg entkommen sind, aber natürlich auch YB, das zum vierten Mal den Titel in Folge gewinnen konnte. Ob das Märchen in Bern für Lüchinger so weitergeht, wird sich zeigen – ebenfalls wie lange er noch im Verwaltungsrat Einsitz haben wird. «Ich bin kein Fristentyp. Wie lange ich bei YB sein werde, weiss ich nicht. Wenn ich eines Tages nichts mehr bewegen kann, werde ich mich bewegen», meint der Rheintaler, der seit seiner Hochzeit 1998 in Ruggell wohnt und dort wunschlos glücklich ist. «Alles ist hier gut erschlossen, die ­Angebote im Sport und Kultur stimmen und ich liebe die Nähe zum Riet. Ich geniesse das extrem. Genauso dass man aufs Velo kann und sofort am Rheindamm ist.» 

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