• 21.10.2020 17:12 | von Elias Quaderer

    «Mich stört dieser Pseudo-Realismus»

    Vaduz / Tobias Gassner, Sprecher von Klimastreik Liechtenstein, kontert die Vorwürfe, dass hinter der Klimabewegung nur hohle Parolen stecken.

    Tobias Gassner, jüngst äusserte sich der Präsident der Jugendunion kritisch gegenüber dem Klimastreik Liechtenstein. Nur mit «radikalen Parolen» würde man nichts erreichen. Was entgegnen Sie?
    Tobias Gassner: Die ganze Klimabewegung beweist das genaue Gegenteil. In ganz Europa entstanden Bewegungen, die sich für Klima- und Umweltschutz starkmachten. Die Grünen Parteien gewannen massiv an Stimmen – besonders bei Jungwählern. Weltweit wurde ein stärkeres Bewusstsein für die Anliegen des Klimaschutzes geschaffen. Das liegt sicher zum grossen Teil an Greta Thunberg und dem Klimastreik der Schüler. Das wäre alles nicht passiert, wenn man einfach gesagt hätte: «Das ist nicht realistisch.» Mich stört dieser Pseudo-Realismus, den der Präsident der Jugendunion an den Tag legt.

    Pseudo-Realismus?
    Darunter verstehe ich, dass im Vorhinein gesagt wird, gewisse Massnahmen seien nicht umsetzbar, weil einem die Mehrheiten fehlen. Aber es ist ein Fakt, dass man mit dem Planeten nicht verhandeln kann; die Physik macht keine Kompromisse – wenn wir so weitermachen, kommt die Katastrophe. Zudem ist es doch besser, man setzt sich für das Richtige ein, auch wenn es zunächst keine Mehrheiten gibt, als von Anfang an zu postulieren, solche Massnahmen seien nicht umsetzbar. In der Vergangenheit hat sich wiederholt gezeigt, dass  Meinungen, die zuerst in der Minderheit waren, plötzlich zum Mainstream wurden.

    Verstehen Sie, dass Ihre Aussagen als radikal interpretiert werden?
    Nein. Es muss hinterfragt werden, was genau unter «radikal» zu verstehen ist. Die Forderungen der Klimabewegung entsprechen dem, was auch die Wissenschaft fordert, damit dem 1,5-Grad-Ziel entsprochen werden kann.


    Hier gehts zum Interview mit dem Präsidenten der Jugendunion:


    Der Präsident der Jugendunion führte aus, dass konkrete Vorschläge mehr bewirken als Demonstrationen. Ein berechtigter Einwand?
    Dieses Argument ist ein Witz. Die konkreten Vorschläge existieren schon längstens. Der Klimawandel ist ja nicht ein komplett neues Thema, sondern beschäftigt die Forschung seit den 1980er-Jahren. Es geht nur noch darum, die Forderungen umzusetzen.

    Was sind Ihre Forderungen in Bezug auf Liechtenstein?
    Das wichtigste Ziel ist, den Klimanotstand auszurufen. Das heisst, dass künftig alle politischen Entscheidungen, die getroffen werden, auch unter dem Blickwinkel des Klimaschutzes betrachtet werden sollen. Ein weiteres Ziel wäre, den CO2-Ausstoss bis 2030 auf ein absolutes Minimum zu reduzieren. Dafür ist ein Umdenken in puncto Verkehr unabdingbar.

    Mit dem Planeten kann man nicht verhandeln.

    Was für ein Umdenken?
    Wir müssen wegkommen vom motorisierten Individualverkehr. Beispielsweise indem wir konsequent die Fahrradwege ausbauen. Wenn heute jemand auf der Landstrasse mit dem Rad unterwegs ist, dann ist das sowohl für die Autofahrer wie auch für den Radfahrer eine unangenehme Situation. Aber leider gilt in Liechtenstein das Auto als unantastbares Dogma.

    Die liechtensteinische Regierung präsentierte kürzlich die Energievision 2050 und die Energiestrategie 2030. Wie steht der Klimastreik Liechtenstein zu den Massnahmenpapieren?
    Wir haben es grob durchgeschaut. Die Massnahmenpapiere gehen in die richtige Richtung, aber das Tempo der Umsetzung ist zu langsam. Mit den finanziellen Ressourcen unseres Landes wären ambitioniertere Ziele möglich gewesen. So könnten durch gezielte Fördermassnahmen bereits in fünf Jahren alle Ölheizungen durch nachhaltige Heizsysteme ersetzt werden. Der Plan der Regierung sieht nur einen Ersatz von 75 Prozent der Ölheizungen bis 2030 vor.

    Wie stehen Sie zum Vorwurf, dass es sich bei der Klimajugend um eine Verbotsbewegung handelt?
    Ich verstehe zwar, dass man sich gegen gewisse Massnahmen wehrt, wenn sie einen direkt betreffen. Aber gleich von Verbotsparteien oder Freiheitsentzug zu sprechen, finde ich lächerlich. Aus meiner Sicht sind Klimaschutzmassnahmen vergleichbar mit der Gurtpflicht: Das Handeln der Menschen wird etwas eingeschränkt, um Menschenleben zu retten.

    Suchen Sie den Kontakt zu den Jungparteien?
    Für die letzte Plakat-Aktion auf dem Peter-Kaiser-Platz haben wir alle Jungparteien angeschrieben. Einzig die Junge Liste hat sich zurückgemeldet. Aber grundsätzlich gilt: Wer eine konsequente Klimapolitik betreiben will, ist bei uns willkommen – unabhängig von der politischen Verortung.

    Leider gilt das Auto als unantastbares Dogma.

    Wie stehen Sie zur Herabsetzung des Wahlrechtsalters auf 16 Jahre?
    Die meisten von uns sind jünger als 18 Jahre. Wir alle waren aber schon immer politisch interessiert. Darum befürworten wir die Petition zur Herabsetzung des Wahlalters. Ich denke, es ist wichtig , dass auch die Jungen eine Stimme haben. Generell sollte jeder, der von einem Entscheid direkt betroffen ist, auch mitentscheiden dürfen.

    Würde die Herabsetzung des Wahlalters Ihrem Anliegen helfen?
    Ja, ich denke teilweise würde es uns ­sicherlich helfen. Denn vielen Jugendlichen ist bewusst, dass Klimaschutz ein wichtiges Thema ist.

    In diesem Sinn argumentiert der Präsident der Jugendunion, dass hinter der Petition zur Herabsetzung des Wahlalters nur parteipolitischer Eigennutz steckt. Man will Jugendlichen nur das Wahlrecht geben, weil bei ihnen grüne Themen besser ankommen.
    Das ist ein antidemokratisches Argument. Wenn ich das Vorurteil habe, dass ältere Personen eher konservativ wählen, kann ich sie ja auch nicht aus dem Wahlverfahren ausschliessen. Und der Präsident der Jugendunion ist das beste Gegenargument zu sich selbst. Er sagt, dass die Junge Liste die Herabsenkung des Wahlalters nur will, um ihr Wählerpotenzial auszubauen. Er selbst und der Rest des JU-Vorstandes wählen aber sicher die VU, sofern sie wählen dürfen. Dieses Argument geht meiner Meinung nach nicht auf.

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