• 27.02.2021 06:00 | von Elias Quaderer

    «Eine Schande fürs Land»

    Am 28. Februar 1971, also genau vor 50 Jahren, lehnte Liechtenstein das Frauenstimmrecht ab. Damit wurde das Fürstentum zum Schlusslicht Europas. 

    81 Neinstimmen machten den Unterschied. Am morgigen Sonntag vor 50 Jahren verwarf eine knappe Mehrheit der Liechtensteiner die Einführung des Frauenstimmrechts. Die Schweiz hatte hingegen drei Wochen zuvor das Frauenstimm- und Wahlrecht per Volksabstimmung angenommen. Damit war Liechtenstein  das letzten Land Europas ohne Frauenstimmrecht – der Hinterwäldler des Kontinents. Während die Schweizerinnen jubelten, mussten die Frauen im Fürstentum für 13 weitere Jahre um ihre politischen Rechte ringen.

    Protestmarsch an die Stammtische

    Die Grafikerin Regina Marxer erinnert sich an den Abstimmungssonntag zurück. «Gemeinsam mit meinen Schwestern und ein paar Pfadfinderinnen wartete ich mit Spannung auf das Abstimmungsresultat.» Die Gruppe rechnete mit einem Ja und hatte bereits Leintücher mit Dankesworten an die männlichen Stimmbürger vorbereitet. Als aber das negative Ergebnis kam, ergriff die Frauen «eine unheimliche Wut». So gestalteten die jungen Frauen kurzerhand ihre Transparente um: «Wir schrieben darauf ‹Wir sind ein Gartenzwergstaat› und ‹Wir schämen uns für euch›.» Die Gruppe zog darauf mit beschriebenen Leintüchern, Plakaten und Teppichklopfern durch das Land und stattete auch den Stammtischen einen Besuch ab. «Die Männer an den Wirtstischen waren sich nicht gewohnt, dass junge Frauen ihnen die Meinung sagten. Wir wurden massiv angepöbelt – auch von Frauen», erzählt Marxer. Die Gruppe schrieb mit ihrer Aktion Geschichte: die erste Demonstration für das Frauenstimmrecht in Liechtenstein.

    Eine Woche später zogen Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums nach. Sie organisierten einen Demonstrationszug durch Vaduz mit anschliessender Kundgebung vor dem Rathaus. Allerdings wurde der friedliche Protestmarsch bereits kurz nach dem Start gestört. Vermummte attackierten die Schüler, bewarfen sie mit Eiern und schlugen auf einige ein. Das «Volksblatt» urteilte: «Was sich am Freitagabend abspielte, steht jenseits von jeder Diskussion über das Frauenstimmrecht oder den Sinn oder Unsinn einer Demonstration. Was sich am Freitag in Vaduz abspielte, war ganz einfach eine echte Schande für unser Land.» Regina Marxer hatte vorerst genug von Liechtenstein und zog für ihr Studium nach Berlin. 

    Das Fürstentum versuchte zwei Jahre später nochmals per Volksabstimmung, das Stimm- und Wahlrecht für Frauen einzuführen. Am 11. Februar 1973 kam jedoch der Schock: Im Abstimmungsresultat standen 1675 Jastimmen 2126 Neinstimmen gegenüber. Die männlichen Stimmbürger hatten das Frauenstimmrecht noch deutlicher abgelehnt als zwei Jahre zuvor. 

    «Bitten und Beten bringt uns nicht weiter»

    Nach diesem niederschlagenden Abstimmungsresultat blieben für mehrere Jahre Vor­stösse auf Landesebene zur Einführung des Frauenstimmrechts aus. Wenigstens gab 1976 der Landtag den Gemeinden die Möglichkeit, das Frauenstimmrecht einzuführen. Vaduz machte als erste Gemeinde  im gleichen Jahr den Anfang. Neuen Schwung in die Debatte brachte die 1981 gegründete «Aktion Dornröschen». Zwar bestanden bereits zuvor Organisationen, die sich für die Rechte der Frauen einsetzten –  wie das «Komitee für Frauenstimmrecht» und die «Arbeitsgruppe für die Frau». Doch diese Gruppierungen traten bewusst nicht provokativ auf. 

    Die «Aktion Dornröschen» wählte stattdessen ein kämpferisches Vorgehen. Sie klagte vor dem Staatsgerichtshof für die Einführung des Frauenstimmrechts und machte in Strassburg den Europarat auf die rückständige Frauenrechtssituation in Liechtenstein aufmerksam. Die beiden Gründungsmitglieder Helen Marxer und Regina Marxer meinen, dass das forschere Auftreten nötig war, um die Frauenfrage in Liechtenstein voranzubringen. «Wir haben gemerkt, dass Bitten und Beten uns nicht weiterbringt. Darum haben wir von der ‹Aktion Dornröschen› darauf beharrt, dass das Stimmrecht uns einfach zusteht», sagt Helen Marxer. «Unser Auftreten hat zwar für Wirbel gesorgt. Wir wurden häufig böse angegangen. Aber letztlich war es das Richtige.» Am 1. Juli 1984 war es endlich so weit. Eine knappe Mehrheit von 51,3 Prozent stimmte für die Einführung des Frauenstimmrechts. 

    Weshalb brauchte der Liechtensteiner so lange, bis er dem Frauenstimm- und Wahlrecht seine Zustimmung gab? Helen Marxer geht davon aus, dass sicher die ländliche Struktur und das noch vorherrschende katholisch-konservative Frauenbild eine Rolle spielten. Zudem sei auch hinderlich gewesen, dass über das Frauenstimmrecht stets per Volksabstimmung entschieden wurde. «Alle Männer in Liechtenstein hatten die Möglichkeit, Ja oder Nein zu sagen. Und jeder, der einmal Stress mit einer Frau hatte, konnte sich nun bei der Volksabstimmung rächen», meint Helen Marxer. Regina Marxer weist zudem auf den Umstand hin, dass bis 1984 Ausländerinnen, die einen Liechtensteiner heirateten, automatisch die Staatsbürgerschaft bekamen. Viele wollten nicht, dass «Eingeheiratete» in politischen Fragen mitreden. «Diese Debatten waren extrem kleinlich, aber wir sind eben auch ein kleines Land», so Regina Marxer.

    Zum aktuellen Stand der Frauenbewegung in Liechtenstein haben Helen Marxer und Regina Marxer unterschiedliche Ansichten. Helen Marxer fin­det, dass die Frauenbewegung in Liechtenstein noch nie so stark war wie heute. Es habe sich ein neues Selbstbewusstsein durchgesetzt, sodass eine beträchtliche Zahl an Frauen im Land sich aktiv für die Gleichstellung in allen möglichen Bereichen stark mache. Regina Marxer meint hingegen, dass bezüglich Gleichenstellung in den Bereichen Politik und Wirtschaft noch viel Luft nach oben bestehe.

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