• 22.11.2020 15:09 | von Elias Quaderer

    Als Schaan die Wahl «unpolitisch» verliess

    Bei den Wahlen 1882 wurde kein einziger Vertreter der Gemeinde Schaan in den Landtag gewählt. Schuld waren zwei Namensvettern.

    Frühling 1882: Liechtenstein wählte seine Volksvertretung. Aber die ersten Ergebnisse erzürnten die Schaaner. Kein einziger Vertreter ihrer Gemeinde wurde in den Landtag gewählt. Die Gemeinde verweigerte daraufhin die Teilnahme am weiteren Wahlakt. Wie konnte es dazu kommen?

    Trotz 20 Wahlmännern ging Schaan leer aus
    Zunächst ist ein Blick auf die damalige Wahlordnung zu werfen. 1882 fanden zum zweiten Mal in Liechtenstein Landtagswahlen nach den getrennten Wahlkreisen Ober- und Unterland statt. Es galt  ein indirektes Wahlsystem: In den Gemeinden wurden zunächst Wahlmänner gewählt – jeder Gemeinde standen zwei Wahlmänner pro 100 Einwohner zu. Die anschliessende Versammlung der Oberländer und der Unterländer Wahlmänner bestimmte dann die zwölf zu wählenden Abgeordneten – sieben Oberländer und fünf Unterländer. Drei weitere Abgeordnete ernannte der Fürst.

    Die Wahlmännerversammlung der Oberländer fand am 2. Mai 1882 auf Schloss Vaduz statt, die Unterländer Wahlmänner trafen sich am nachfolgenden Tag in einem Gasthaus in Mauren. Das Oberland wählte insgesamt 114 Wahlmänner, allerdings erschienen nur 105 zum Wahlakt auf Schloss Vaduz. Die Gemeinde Schaan konnte immerhin zwanzig Wahlmänner entsenden und verfügte damit nach Balzers und Triesen über das drittgrösste Wahlmännerkontingent. Es sollte der Gemeinde jedoch nichts nützen.

    Im ersten Wahlgang erhielten  sogleich sieben Kandidaten die absolute Mehrheit – kein einziger stammte aus Schaan. Daraufhin verliessen die Schaaner Wahlmänner den Wahlakt.  Die übrigen  Oberländer liessen sich von diesem Vorgehen aber nicht beirren und setzten die Wahlen fort. Einer der bereits Gewählten lehnte sein Mandat ab und es musste ein neuer Abgeordneter gewählt werden. Gleichfalls waren noch die Ersatzabgeordneten zu bestimmen. Das «Volksblatt» – die damals einzige Zeitung des Landes – kommentierte: «Dieser Wahlvorgang gibt in mehr als einer Beziehung von einer billigen und politischen Ansicht ein ungünstiges Zeugnis.»

    Zwei Quaderer sorgten für Verwirrung
    Weshalb erlangte kein einziger Vertreter aus Schaan genügend Wahlmännerstimmen für einen Landtagssitz? Hatten sich die Wahlmänner der anderen Gemeinden gegen Schaan verschworen? Ein Volksblattartikel, der zehn Tage nach der Wahl erschien, klärt den Sachverhalt auf. Die Zeitung schrieb, dass vor der Wahl «scharf betont» wurde, dass «die Namen der Kandidaten klar, deutlich geschrieben und durch bezügliche Gewerbe, Titel oder Hausnummern genau bezeichnet werden müssen. Alle uneindeutigen, zweideutigen Stimmzettel werden bei allen Wahlen als ungültig verworfen.» Gemäss dem Zeitungsartikel seien mehrere Wahlmänner dieser Aufforderung nicht nachgekommen. «So konnte es leicht geschehen, dass Schaan im ersten Wahlgang leer ausging; denn, wie versichert wird, waren auch Schaaner Kandidaten aufgestellt, von denen zwei den gleichen Namen haben, aber ohne nähere Kennzeichen geschrieben waren und deshalb ungültig erschienen», so das Volksblatt. Der Berichterstatter schloss mit der Bemerkung: «Was aber im 1. Wahlgang nicht geschehen, wäre im 2. Wahlgang geschehen, wenn die Wahlmänner von Schaan das Wahllokal nicht so unpolitisch verlassen hätten.»

    Welche Namensvettern sorgten aber für eine solche Verwirrung bei den Landtagswahlen? Ein Blick in die Wahlunterlagen legt den Schluss nahe, dass es die beiden Schaaner waren, die sich den Namen Rudolf Quaderer teilten. Der eine war Volksschullehrer, der andere Bierbrauer und Wirt des Gasthauses Quaderer («Bierhüsle»). Der Wirt Rudolf Quaderer ging bei den Wahlen jedoch nicht ganz leer aus. Er wurde zumindest zum stellvertretenden Abgeordneten gewählt. Der Bierbrauer lehnte aber sein Mandat ab.

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