• 23.11.2020 22:21 | von Bettina Stahl-Frick

    Wie ein roter Faden durch die Poesie

    Das «Theater trotzdem» und das «Theater plus» können ihr Weihnachtsstück nicht aufführen. Stattdessen entsteht nun ein Film.

    «Lieber Apfelbaum, kann man denn von oben das Meer sehen?», wird dieser von einer Muschel gefragt. «Nein», antwortet der Baum. «Nur Wiesen und Häuser.» Die Muschel bedauert – sie vermisse das Meer, wo sie aufwuchs und ihre Schalen stets von warmen Wellen umspielt wurden. Einst habe sie sogar eine Perle in sich getragen, erzählt sie stolz dem Apfelbaum. Doch diese zog es eines Tages fort – hin zu einer Auster. «Ach», winkt der Apfelbaum ab. Dies sei so doch gar nicht so schlimm, so verliere auch er regelmässig seine Blätter und auch Äpfel. «Ja», sagt die Muschel. «Aber die wachsen wieder nach – eine Perle nie mehr.»

    Schnitt – es folgt Applaus. Applaus von der Dramaturgin des Hauses, Beatrice Brunhart-Risch, von Regisseurin Sabine Hennig und von zwei Medienvertretern. Zuschauer gibt es keine – obwohl die Schauspieler des «Theater trotzdem» und «Theater plus» gestern in den Räumlichkeiten des Jungen Theaters Liechtenstein ihre Premiere des Weihnachts-stücks «Der rote Faden» feierten. Gleichzeitig war es auch die Derniere und überhaupt stellvertretend für sieben weitere Aufführungen. Coronabedingt haben die Verantwortlichen entschieden, das Stück filmisch festzuhalten. Gestern Abend wurde nun eine Szene nach der anderen eingespielt. 

    Mit 88 Jahren noch topfit auf der Bühne

    Texthänger kennt Theres Senti kaum, wofür sie von der Dramaturgin wie auch von der Regisseurin sehr gelobt wird. Umso mehr erstaunt ihr Alter: 88 Jahre. Als Muschel stand sie eben gemeinsam mit dem Apfelbaum, gespielt von Kathleen Pietzko, vor insgesamt drei Kameras. Auch für Kathleen Pietzko hat es Lob gegeben: «Deine Mimik war grossartig», freut sich Sabine Hennig. Die Schauspielerin agiert nicht nur auf der Bühne, sie betreut die Männer und Frauen gemeinsam mit Jana Hoop auch hinter der Bühne. Letztere muss sich nun aber für die nächste Szene zurecht- machen, die in wenigen Minuten ebenfalls eingespielt wird: «Das Nikolausbuch und der Postkuli». Während Jana Hoop das Nikolausbuch spielt, verkörpert Michael Marxer den Kugelschreiber, der tagaus, tagein auf der Post liegt. Dummerweise ist er im Nikolausbuch eingequetscht worden, als ihn der Nikolaus am Vortag brauchte, um die Jahresrechnung zu unterschreiben. «Schön langsam sprechen, Michi», erin-nert ihn die Regisseurin. Dann heisst es: Klappe – oder Film ab!

    Ein zufriedener Post-Kugelschreiber

    «Ich bin der Kuli von der Post», stellt sich Michael Marxer vor und fordert das Nikolausbuch auf: «Erzähl doch mal von deinen Geschichten!» Das Buch ziert sich aber – erst muss der Kugelschreiber versprechen, dass er all die Geschichten für sich behält. «Hoch und heilig!»,  schwört der Kuli. Und das Buch beginnt zu erzählen – von der kleinen Susanne, die regelmässig den Einkauf für ihre kranke Oma macht. Oder von Paul, der schon dreimal vergessen hat, die Hasen zu füttern und stattdessen lieber mit dem Onkel Traktor fährt. 
    Aufmerksam hört der Kugelschreiber zu. Bevor das Nikolausbuch wieder weiterzieht, verspricht es noch, dass ihn der Nikolaus in Kürze wieder zurück zur Post bringt. Die beiden wünschen sich eine gute Nacht – «Schnitt! Zweite Szene im Kasten – toll gespielt!», heisst es aus der Regie. Michael Marxer ist sichtlich erleichtert – «obwohl ich mir mit dem Text so sicher bin, war ich gerade unglaublich nervös», sagt er und ist umso glücklicher, dass bei Beatrice Brunhart-Risch und Sabine Hennig beide Daumen in die Höhe schnellen. Der «Postkuli» grinst zufrieden. 

    Ursprünglich als Stück im Freien geplant

    Zwischen den Szenen gibt es jeweils eine kurze Pause. Zum einen zum Verschnaufen, zum anderen, um den Raum gut durchzulüften. Die Verantwortlichen sind auf die etwas andere Premiere gut vorbereitet, um coronabedingt für Sicherheit zu sorgen. In punkto Vorbereitung mussten sie in den vergangenen Wochen vor allem Flexibilität beweisen. Denn wie ursprünglich geplant lief so gut wie nichts. «Bereits im Oktober 
    haben wir entschieden, das Stück umzuschreiben und nach draussen zu verlegen, um die Gefahr bezüglich Corona einzudämmen.», sagt Beatrice Brunhart-Risch. Als Dramaturgin des Hauses habe sie Regisseurin Sabine Hennig vorgeschlagen, ein Wandertheater zu inszenieren und die meisten Szenen im Freien zu spielen. «Wir haben ein Zelt gekauft und die Aussenbeleuchtung geplant und wollten die Zuschauer, aufgeteilt in zwei Gruppen, rund um das Theater führen.» Vor drei Wochen musste sie die Proben allerdings ganz ein-
    stellen. «Mehrere Mitglieder waren von Corona betroffen und mussten in Quarantäne.» Gottseidank sei niemand ernsthaft erkrankt, dennoch herrschte Verunsicherung. 

    Stück ohne Primarschulklasse

    Vor zwei Wochen fiel der Entscheid, das Stück nicht aufzuführen, sondern die Szenen zu filmen. Um die Schauspieler zu schützen, hat die Regie entschieden, nur jeweils zwei Spieler eine Szene spielen zu lassen. «Wir haben Masken nähen lassen und spielen alle Bewegungsszenen mit Masken.»

    Ursprünglich war es vorgesehen, eine Primarschulklasse mit einzubeziehen. Es gab schon einen Probeplan und klare Vorgaben. «Die Schule hat dann die Teilnahme untersagt, was wir sehr gut nachvollziehen können», so Beatrice Brunhart-Risch.  

    Gespielt wird «Der rote Faden» von fünf Männern und fünf Frauen der Theatergruppe «trotzdem» – Erwachsene mit Beeinträchtigung – und der Theatergruppe «plus» – erwachsene Laienschauspieler. Die Stücke werden jeweils von der 
    zuständigen Theaterpädagogin oder dem Theaterpädagogen selbst für die Gruppe geschrieben und gemeinsam erarbeitet.  «Sabine Hennig versteht es sehr gut, mit den Spielerinnen und Spielern Personagen zu entwickeln und über Improvisation zu Ideen und Szenen zu kommen», sagt Beatrice Brunhart-Risch. 

    Ein Schatzbriefchen als Premierengeschenk

    Das Stück handelt von Dingen, die von ihrem Dasein und von ihren Beziehungen untereinander sprechen und es hat viele wunderbar poetische Momente. So wird neben einem Apfelbaum, einer Muschel, einem Post-Kugelschreiber und einem Nikolausbuch auch eine Sonnenblume zum Protagonisten, wie ein Maiskolben, eine Bommelmütze oder eine Adlerfeder. In rund einem Monat wird der Film fertig geschnitten sein, wie genau ihn die Verantwortlichen unters Volk bringen möchten, steht noch nicht fest. Das Premierengeschenk für die Schauspieler gab’s gestern trotzdem – ein Schatzbrieflein von der Regisseurin persönlich – eingepackt in ein goldenes Couvert und 
    natürlich roten Faden.

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