• 26.10.2020 09:11 | von Mirjam Kaiser

    Wie an einem jeden Anfang

    Vor einer interessierten Zuhörerschar las Lyrikerin Evi Kliemand im Literaturhaus aus zwei Blockheften des vergangenen Sommers.

    Evi Kliemands Lesung stand unter keinem guten Stern, denn schon im Frühling musste sie verschoben werden und auch am Freitag – kurz nach der Bekanntgabe der erneuten Restaurantschliessung – schien die Durchführung nicht ganz sicher. Doch die Literaturfans liessen sich von der Maskenpflicht die Laune nicht verderben und erschienen zahlreich zu Kliemands Lesung «Ein Moment des Aufschauens, Hinschauens, die Natur schaut zurück». 

    Originelle Satzkreationen
    So las Evi Kliemand eine knappe Stunde lang aus bisher unveröffentlichtem Material aus ihrem über fünf Jahrzehnte gewachsenen dichterischen Werk. «Alles torkelte, die überschrittenen Grade» – «die Reime bröckeln dir aus der Hand» – «das alles gab es nicht mehr, wozu noch diese Vorsicht?» – «da nichts weh tat, war es schön, einfach nur zu sitzen in aller Stille» – «du hast die Sprache wieder bei dir» – «es blieb eine Reise in die Vergan­gen­heit, was blieb, war das Glück»: Dies sind Passagen aus Evi Kliemands Blockheft 190 aus dem Sommer 2019. Die Reime sind schön anzuhören, eine originelle Satzkreation folgt auf die andere, alles erscheint stimmig. Der gleichmässige Sprachrhythmus versetzt einen in eine friedliche Welt, die angenehme Stimme zieht die Aufmerksamkeit auf sich. Doch um wirklich nachvollziehen zu können, was gesagt und damit gemeint wurde, müsste man die Gedichte vermutlich lesen – und dabei immer wieder zurückgehen und nachlesen. 

    Von der Natur, Sprache, einer Frau und der Zeit
    Man merkt, es ist die Rede von der Natur, von der Sprache, von einer Frau und immer wieder von der Zeit. Doch die einzelnen Textfragmente scheinen unzusammenhängend, wild zusammengestückelt. Und doch ergeben sie einen angenehmen Textfluss. Immer wieder werden Pflanzennamen genannt, deren Farben beschrieben und auf deren bedrohte Situation aufmerksam gemacht («die von den Pflanzen durchlittene Hitze» oder «Der Lebensraum der Vögel, der verloren ging»). Und immer wieder wird die Sprache und Dichtung aufgegriffen («Das ist ein Ort, wo Sprachlosigkeit zur Sprache kommt», «Es fremdeln Dichtung und Natur» oder «Manche Sätze verlieren ihren Duft, wenn du sie ins Heft gibst»). Ebenfalls häufig taucht eine ominöse «Sie» vor: «Sie sass zuvorderst am Felsvorsprung auf einer Bank» oder zum Schluss «Sie grinste, der Hund trug das Brot dorthin, bis wohin sie noch nicht sehen konnte». Es scheint, als ob die Protagonistin Stationen ihrer Vergangenheit abgeht («Bist schon lang nicht mehr hinuntergestiegen zum Ufer») und dabei immer wieder auf die Vergänglichkeit und das Älterwerden stösst. «Sie hätte es gleich niederschreiben sollen», heisst es an einer Stelle. Sie schreibe, weil sie ahne, «dass sonst nichts blieb.» Auch fürchte sie die Abhängigkeiten, die mit dem Alter einhergingen. So mache sie sich Sorgen, dass sogar die Waschmaschine sie im Stich lassen könnte. Es ist von einer Aussicht auf einen Abschied die Rede und – vom Tod? Man weiss es nicht. Doch «noch sass sie wie vor vielen Jahren», heisst es zum Schluss.
    Mit ihrer eigenen Art zu schreiben, mit veränderten Sprichworten («Die Zeit vergeht niemals im Fluge» oder «Das Zünglein an der Waage spricht»), fantasievollen Beschreibungen («Als hätten die letzten Tunnels die Schatten zu sich eingesaugt, denn sie könnten sonst verloren gehen»), etwas Gesellschaftskritik («alle schauen nur aufs Display») und nachdenklich machenden Gedanken («Es ist die Zeit, die geht») bescherte Evi Kliemand den Besuchern einen dichten, aber gleichzeitig entspannten Abend.

    Hinweis
    Diese und andere Lesungen Kliemands gibt es auf limitierten CDs zu kaufen. 

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