• 25.10.2020 11:30 | von Bettina Stahl-Frick

    Von exotischen Stofffetzen und Kolumbus

    Mit Ferruccio Cainero und der Erzählung «Kolumbus und die Schmetterlinge» ist der Schlösslekeller erfolgreich in die Spielsaison gestartet.

    Ein kleiner Bengel scheint er gewesen zu sein, der in der Schweiz lebende italienische Autor, Geschichtenerzähler, Schauspieler und Regisseur Ferruccio Cainero. Im Schlösslekeller erzählte er am Donnerstagabend, wie er als Kind die Schmetterlinge entdeckte. «Ich war sechs Jahre alt und ich zog mit meiner Familie in ein neues Viertel.» Eine grosse Wiese habe es dort gehabt und als energiegeladener Junge rannte und hüpfte er durch das Gras. «Aber die Blumen rannten davon», erinnert sich Ferruccio Cainero. Bis er begriff, dass es keine Blumen, sondern Schmetterlinge waren, die davonflogen. Für den Jungen waren es «exotische Stofffetzen», die er unbedingt fangen wollte. Er baute eine Art Peitsche, in welcher sich die Tiere verfingen – «so konnte ich sie besser beobachten». Natürlich habe er sie dann wieder fliegen lassen wollen, nur: «Die toten Schmetterlinge flogen sehr schlecht.» 

    Mit Trauben auf Nummernschild geworfen
    Als Ferruccio Cainero am dritten Tag diese Wiese voller Schmetterlinge betrat, flogen die Tiere augenblicklich davon. Dem Jungen war unbegreiflich, wie sie ihn erkennen konnten. Heute wisse er: «Der Mensch hat die Tendenz, seine Intelligenz zu überschätzen und jene der Natur zu unterschätzen.» 

    Nicht zu unterschätzen war allerdings der quirlige Junge, der sich nach seiner gescheiterten Jagd nach Schmetterlingen Nummernschildern an den Häusern widmete. Ein ganz bestimmtes hatte er im Auge. Anfangs versuchte er das Schild mit Papierkügelchen zu treffen, dann entschied er sich, das Schild mit Trauben zu bewerfen. «So konnte ich besser feststellen, ob ich es getroffen habe.» Zielte er daneben, entstand der Traubenfleck dann eben an der Hausfassade. «Die Hausbesitzerin wurde zur Furie und schimpfte wie wild mit mir.» Was er einige Tage zuvor mit den Schmetterlingen gemacht hat, habe sie zwar gesehen, aber nicht gestört. «Warum auch – für sie entstand 
    dabei ja keinen Schaden.»

    Cainero zeichnet mit Worten klare Bilder
    Egal ob Ferruccio Cainero von Schmetterlingen oder Nummernschildern erzählt – die Art und Weise, wie er es tut, zieht sogleich in den Bann. Seine Worte sprudeln mit italienischem Akzent nur so hervor und zeichnen klare Bilder. Es ist, als würde man seine Erzählungen nicht nur hören, sondern seine Geschichten gleich auch sehen – jedenfalls kommen die Bilder vor dem inneren Auge an. Cainero verfasste 37 Theaterstücke, führte in 32 Produktionen Regie und wirkte als Schauspieler in 18 Produktionen mit. Er ist Co-Autor und Regisseur der wichtigsten Stücke Gardi Hutters, mit der er von 1978 bis 1992 verheiratet war. 

    Als Kind habe er die Geschichte von Christoph Kolumbus in der Schule gelernt. Später habe er die Geschichte des italienischen Seefahrers studiert und genauestens recherchiert. Ferrucio Cainero begab sich mit Kolumbus' Geschichte über die Entdeckung Amerikas auf eine abenteuerliche Reise. Wie bitter ihn dieses Abenteuer einst enttäuschen würde, konnte Cainero nicht im Ansatz erahnen ...

    «Finde den Osten über den Westen»
    Aus einfachem Haus stammte Christoph Kolumbus, der um 1451 in der Republik Genua geboren war. Als Seemann wollte er an die Spitze der Sozialleiter. Und er setzte sich ein grosses Ziel: Im Wettlauf mit Portugal, um den Seeweg nach Indien im Rahmen des Indienhandels, wollte Kolumbus den Weg im Westen erschliessen. In Portugal heiratete er Filipa de Perestrelo e Moniz. Ihr gemeinsamer Sohn Diego wurde um 1480 auf der Insel Porto Santo bei Madeira geboren. Filipa stammte aus einer adligen portugiesischen Familie mit französischen und italienischen Vorfahren, ihr Vater Bartolomeu Perestrelo war an der Besiedlung Madeiras beteiligt gewesen und Gouverneur von Porto Santo. 

    «Finde den Osten über den Westen» – ein Satz, den Kolumbus ständig vor sich her gesprochen und dabei mit dem Finger in eine Richtung gezeigt hatte. Nicht selten musste seine Frau ihn beruhigen. Als diese starb, merkte dies Kolumbus nicht einmal. Wie Cainero erzählt, war er von nur einem Ziel besessen: Den Osten über den Westen zu finden. Auch schrieb Kolumbus viele Bücher – in keinem war auch nur ein Wort über seine Frau erwähnt. 

    Für seine Entdeckungsreise brauchte Kolumbus Schiffe und Matrosen. Doch lange bekam er keine Unterstützung. Nach dem Motto «Wir bringen Gott, sie geben Gold» liess Kolumbus aber nicht locker. Als dann der Krieg gegen das Emirat Granada vorüber war, stand es um die Verhandlungen immer besser. Am 17. April 1492 wurde schliesslich die Kapitulation von Santa Fe unterzeichnet, ein Vertrag zwischen den Monarchen und Kolumbus über eine Expedition. Der Vertrag sicherte Kolumbus, im Gegenzug für das Bringen von Gold und Gewürzen, zehn Prozent der Profite aus dem Verkauf der Güter, Statthalterschaft über die gefundenen Ländereien und den Titel «Admiral der Weltmeere» zu und bestimmte, dass Kolumbus für die Krone von Kastilien einen westlichen Seeweg nach Ostasien suchen sollte. Das Abenteuer konnte beginnen. 

    Eine Reise, die tragisch endet
    «Wer Land entdeckt, bekommt eine grosszügige Pension», versprach Kolumbus den Matrosen, worauf diese Tag und Nacht ihre Augen aufsperrten. In der Nacht vom 11. auf den 12. Oktober geschah es dann: Ein Matrose entdeckte Licht und meldete dies ganz aufgeregt Admiral Kolumbus. «Habe ich schon gesehen, die Pension geht an mich», habe dieser gelogen. Als er eine Insel der Bahamas erreichte, traf er auf hellhäutige, nackte Menschen. Kolumbus war enttäuscht – er suchte die Städte, in denen die Dächer aus Gold waren. Und die Reise ging weiter.

    Um die Weihnachtszeit lief sein Schiff «Santa Maria» auf einem Korallenriff auf. Das Schiff war nicht mehr zu retten und die Spanier bauten an Land eine Festung, die sie «Navidad» nannten und gegen die die Einheimischen mit Kanonen schossen. Ohne den Schiffsbruch hätten sie das Gold nicht entdeckt, das schliesslich mit dem Blut vieler Menschen bezahlt worden ist. Kolumbus stritt sich mit vielen Menschen und beging Verbrechen gegen die Einheimischen. 

    «Die Schuld könnte nur wiedergut gemacht werden, indem die Verbrecher die Kugel zurückgeben, mit der sie die Seele der Völker getötet haben», sagt Ferruccio Cainero. «Aber das geht nicht – denn es ist die Seele unserer Generation.» Warum seine Geschichte mit Tragik endet? «Weil es die Wahrheit ist», sagt Cainero. «Wahrheit ist die Göttin ohne Schleier, die nackt strahlt – Wahrheit tut doch immer gut.»

    Geteilt: x