• 21.01.2021 22:26 | von Damian Becker

    «Thrash Metal und Dosabier»

    Metal ist die lebendigste und eine der ältesten Subkulturen des Landes. Ein Grund, auf die letzten 30 Jahre zurückzublicken.

    Freunde harter Musik kommen in Liechtenstein auf ihre Kosten. Hierzulande darf der Autofahrer bisweilen Männer mit langer Haarpracht und Lederjacken sowie Frauen mit von Band-Aufnähern versehenen Jeanswesten auf den Trottoirs betrachten. Obwohl sich manche Metal-Fans auch so in ihrem Alltag kleiden, werfen sie sich vor allem die Kluft über, wenn sie sich zu Konzerten von Bands wie Dark Salvation, Tactical Nuke oder Shotgun be­geben. Die Bandnamen geben 
    dabei das Programm vor: elektrische Gitarren, schnelle Schlag­zeugrhythmen, ein ho­her oder grölender Stimmeinsatz und schlichtweg ein Soundbild, das «tschäppert» und «klepft». Die hiesige Szene wurzelt in der internationalen Metal-Szene der 1980er-Jahre, ist für ihre exzessive Feierlaune bekannt und gross: Wahrscheinlich findet sich nirgends eine grössere Band-Dichte von Metal-Bands in Relation zur Bevölkerung.

    Von den Hippies bis zu Death Metal
    Alles fing klein an. Im Jahr 1968 nahmen «The Lightstones» ein wenig Woodstock-Feeling vorweg und veröffentlichten zwei Lieder, unter anderem den Song «Liechtensteiner Polka». Es sollte aber noch gut zwei Jahrzehnte dauern, bis der Rock härter wurde und die liechtensteinische Musikszene zum Beben brachte. «Die erste bekannte, härtere Band aus Liechtenstein war wohl Angel Dust, die Mitte der 1980er-Jahre ein Demotape aufgenommen haben und eine Art Heavy Metal spielten», sagt Mathias Nutt, Gitarrist der Band Pussylovers. Dieses Jahrzehnt war bedeutend für den Heavy Metal, wie Nutt weiter ausführt, und es entstanden zahlreiche Subgenres; unter anderem Thrash Metal (Aushängeschilder: Metallica, Megadeth oder Slayer), Black Metal (Mayhem, Samael oder Dissection) und Death Metal (Death, Cannibal Corpse oder Morbid Angel). In den 1990er-Jahren zogen die hiesigen Musiker vermehrt nach und es erschienen mehrere Demotapes. Die Thrash- und Death-Metal-Band Tömbler entstand im Jahr 1991. Im darauffolgenden Jahr gründete sich die Death-Metal-Band Exposure. Weitere sollten folgen, teilweise mit Musikern, die bereits von anderen Bands bekannt waren. «Liechtenstein ist keine unendliche Fundgrube an Musikern», so Nutt.

    Heutige Bands lassen sich klar Genres wie Melodic Death Metal oder Thrash Metal zu­ordnen. Im Gegensatz dazu lag das Augenmerk der damaligen Bands nicht auf stilistischem Purismus. «In der Musikszene war man mit allen Stilrichtungen irgendwie Aussenseiter und Rebell», sagt Nutt. Und was früher als hart galt, muss es heute nicht mehr sein. Nutt verweist auf die Internetseite metal-archives.com, auf der Metal-Bands aus aller Herren Ländern aufgelistet sind und in der Rubrik Liechtenstein unter anderem auch die Pussylovers. «Wir schafften es wohl gerade noch hinein, doch für einige im Land dürften wir nicht ‹Metal› genug sein». Dies ist seiner Meinung nach auch nicht schlimm, denn der Härtegrad sei ja schliesslich nicht alles, was Musik ausmache.

    Auch Gothic Metal fand am Ende der 1990er-Jahren Anklang als weiteres Subgenre in Liechtenstein. Heutige Puristen würden darüber diskutieren, inwiefern diese Art von Rock zum Heavy Metal dazugehört, doch sorgte die Band Erben der Schöpfung – später in Elis umbenannt – international für Aufsehen und genoss in der Gothic-Szene grosse Beliebtheit. Die 29-jährige Frontsängerin Sabine Dünser verstarb 2006 an einer Hirnblutung.

    Liechtensteiner Metal in Frankreich und Tschechien
    In den vergangenen 15 Jahren geschah ein Umbruch und eine neue Generation von Heavy-Metal-Fans trat auf die Bühne. Mehrere Bands, die stilistisch klar einzuordnen sind, gründeten sich und spielten auf internationalen und regionalen Konzerten. Sie lockten Metal-Fans aus Österreich und der Schweiz etwa in den Schlachthof in Dornbirn oder in das Camäleon in Vaduz. Die Band Dark Salvation spielte an Festivals in Slowenien und Tschechien vor mehreren Tausend Zuschauern – und natürlich in Balzers, wo es seit 2017 das OpenHair-Festival gibt. Ebenfalls brach­ten die Postcore/Metalcore Band Taped ab dem Jahr 2011 neue Frische in die Szene. Sie gaben innert kurzer Zeit etliche Konzerte in Europa. Zu einer der erfolgreichsten Gruppen gehörte zudem Black Sonic, die durch Deutschland und England tourte. Andere bedeu­­tende Bands sind Etta Zero, die als Downfall begonnen haben, oder Painful Hate.

    Die neue Generation bestand jedoch nicht nur aus Bands, sondern vor allem aus Musikfans. Zwischen 2007 und 2013 organisierten der Freundeskreis um Samuel Schädler, Schlagzeuger der Band Dark Salvation, einen Car zum legendären Wacken-Open-Air, nördlich von Hamburg, zu dem jeweils rund 45 Metaller mitreisten. Beim weitläufigen Gelände musste neben dem Zeltplatz folglich ein zweiter Treffpunkt bestimmt werden, falls sich Freunde verstreut hatten. «Was wäre denn besser, als ein Bartresen?», fragt Schädler lakonisch. Dieser war bei einer Cocktailbar in der Nähe der Hauptbühne sogleich gefunden. Über die Jahre etablierte sich das lockere Zusammentreffen so weit, dass Liechtensteiner die Bardamen persönlich kannten, wie sich der Schlagzeuger gerne erinnert: «Doch nicht nur das. Zusätzlich zierte die Bar die Liechtensteiner Fahne, welche die Standbetreiber extra montierten.»

    Grosser Zusammenhalt in der Szene
    Trinkfestigkeit geniesst in der Metal-Szene ein hohes Ansehen und führt deshalb auch zu einer stets mit einem Augenzwinkern verbundenen Prahlerei. «Bei unserem Konzert ‹Nucular First Strike› mussten wir zwei Mal die Coop-Tankstelle leerkaufen, weil wir nicht mit so einem Ansturm von Fans und Freunden gerechnet haben», erzählt etwa Claudio Hager von der Band Tank Fist mit einem Schmunzeln.

    Dies widerspiegelt auch den Zusammenhalt der Szene, in der trotz allem die Musik im Vordergrund steht. Die Rückbesinnung auf die 1980er-Jahren übt dabei ihren eigenen Reiz aus: «Eigentlich ist es erstaunlich, wie Bands wie Shotgun oder Tank Fist das zelebrieren, was in den 1980er-Jahren in Mode war. Das hat einen Retroanstrich. Bei Liedern wie ‹Thrash Metal und Dosabier› feiert Shotgun die vergangene Zeit mit einem Augenzwinkern ab. Das ist cool!», so Nutt.

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