• 16.01.2021 12:00 | von Bettina Stahl-Frick

    Heimatgeschichten, in Mundart erzählt

    Karin Mayerhofer Dobler hat mit «Gschechtä vo Liächtastä» in Zusammenarbeit mit Paul Brandenberg ihr erstes Hörbuch produziert.

    Was gab Ihnen den Anstoss, die fünf Mundarttexte «Fenjal», «Spinnerei», «Klatschgschechtä», «Ako» und «S’Geheimnis» zu schreiben?
    Karin Mayerhofer Dobler: Die Geschichte über Fenjal und meine Grossmutter schrieb ich für die Zeitschrift Glückspost. Es war mein erster Schreibwettbewerb, den ich dann auch gewann. Im Schweizer Radio kommen täglich unter der Woche Morgengeschichten, so um 9 Uhr, die höre ich seit jeher gerne. Sie geben einen Impuls für den Tag, regen zum Denken und Schmunzeln an. Ich wollte auch ins Radio kommen mit meinen Geschichten, deshalb schrieb ich die ersten vier Geschichten für meine Bewer-bung als Mundartautorin fürs Schweizer Radio, das ist aber schon etwa zehn Jahre her. 

    Sind alle fünf Texte komplett unterschiedlich oder zieht sich ein roter Faden durch die Geschichten?
    Die Texte sind alle in meiner Muttersprache, im Liechtensteiner Dialekt, geschrieben. Hier in der Schweiz spreche ich aber Berner oder Solothurner Dialekt, je nach Sichtweise, weil ich seit jeher an der Kantonsgrenze wohne. Die Texte handeln alle von meiner ersten Heimat, von Vaduz – da wurde ich 1960 geboren – und von meiner Grossmutter und den Menschen und Erlebnissen meiner Kindheit in Liechtenstein, die mich geprägt haben. Immer wieder mache ich aber auch den Bogen zu meiner zweiten Heimat, der Schweiz, wo ich 1964 als Familiennachzug mit der Mutter und der älteren Schwester nach Biel eingewandert bin. Mein Vater arbeitete schon vorher in der Schweiz. Zudem kommt auch in einem Gespräch mit der Grossmutter vor, dass ich in Bern studiert habe. 

    Welche Gefühle kommen bei Ihnen auf, wenn Sie an Liechtenstein denken?
    Das beschreibe ich in der Geschichte «Spinnerei» ganz genau, das Gefühl von Heimat, wenn ich früher mit den Eltern im Auto und heute mit dem Postauto über den Rhein fahre. Das Gefühl ist auch heute mit 60 Jahren immer noch das gleiche: «Wenn mer öber ä Rhy gfahrä sin und i där sanft Högelzog gsähä ha, denn hani das Heimatgfühl weder gha: I ha gwösst, do kann i redä, wiä mer ds Muul gwachsä isch, do wördi verstandä.»

    Schöner könnte man das Gefühl von Heimat wohl kaum beschreiben ...
    Ja, das fühle ich auch wirklich so. Spannend für mich ist, dass meine jüngere Schwester Anita, die ja in der Schweiz geboren ist, dieses Gefühl nicht hat. Wir fuhren zuletzt vergangenes Jahr am 29. Juli zusammen im Postauto über die Grenze und ich erzählte ihr und meiner Tochter, die auch dabei war, voller Freude von meinem Gefühl, das ich gerade wieder aktuell spürte. Meine Schwester sagte auf meine Frage, ob da Heimatgefühl auch bei ihr hochkomme: «Nein, ich fühle nichts.» Ich denke, als eingewanderte Person hat man immer zwei Ichs, das Mutterland-Muttersprache-Ich und das Zweitland-Zweitsprache-Ich. Bei mir ist das jedenfalls so. Wenn ich nach Liechtenstein komme, meine Muttersprache höre und in meiner Muttersprache sprechen kann, dann fühle ich mich sofort besser und ich leide, wenn ich nicht ab und zu wieder in Liechtenstein auftanken kann, wie es im vergangenen Coronajahr leider verstärkt der Fall war.

    Wie entstand die Idee, mit den Texten ein Hörbuch zu machen?
    Dazu muss ich ein wenig ausholen: Paul Brandenbergs Musik habe ich über eine Schulkollegin von ihm auf Facebook kennengelernt. Ich gewann durch den Tipp von ihr bei einer Verlosung auf seiner Homepage eine CD von ihm. Pauls Musik gefiel mir sofort und ich freundete mich auf Facebook mit ihm an. Da ich immer wieder meine Gedanken und kleine Texte poste, merkte ich schnell, dass er meine Texte mag. Erste Gedanken für eine Zusammenarbeit formierten sich daraufhin. Er lud mich ein, an seinem Weihnachtskonzert in Brun-nen, Schwyz, einen Text von mir zu lesen. Rund um meine Lesung war seine Musik und das gefiel mir sehr gut. 

    Und somit war der Grundstein für eine weitere Zusammenarbeit gelegt ...
    Genau! Für die Buchtage 2018 in Liechtenstein hatte ich die Idee, mich zu revanchieren. So entstand die Lesung in der Druckerei Gutenberg in Schaan. Behilflich dabei war mir Bernadette Kubik-Risch, Miteigentümerin vom Omni-Buchladen in Eschen. Sie verschaffte mir den Kontakt zur Druckerei. Am 
    12. März 2018 las ich dort die vier ersten Geschichten und Paul begleitete mich zum ersten Mal mit seiner Musik. Zum 
    allerersten Mal hatte ich die Geschichten schon früher an einem Literatursalon in der Landesbibliothek in Vaduz gelesen. Im Dezember 2017 war ich beim Radio Lora in Zürich, Charlotte von Känel und ich zeichneten eine Literatursendung mit meinen Texten auf Hochdeutsch auf. Ich las dort auch «Spinnerei» auf Hochdeutsch. In der Pause las ich ihr die Geschichte in der Mundart vor. Sie sagte zu mir: «Wow, das ist deine wirkliche Stärke, schreib weiter, sobald du Textmaterial für eine ganze Stunde hast, kannst du wiederkommen, dann mache ich eine Sendung in der Mundart mit dir.» 

    Und das war dann auch die Initialzündung für das Hörbuch?
    Nicht ganz. Am 29. Juli 2020 konnten Paul und ich dann in der Mittwochabendveranstaltung in Vaduz vor dem Liechtenstein Center bei «Mit Abstand auf Kultour» öffentlich auftreten. Im Wissen darum schrieb ich die fünfte Geschichte «S’Gheimnis». Kulturministerin Katrin Eggenberger war begeistert. Da überredete ich Paul, nun endlich ein Hörbuch mit mir zu machen. Und am 
    1. Dezember 2020 war es da. Dass mein erstes eigenes Buch ein Hörbuch sein würde, wurde mir erst klar, als ich es in den Händen hielt.

    Was war bei der Umsetzung die Herausforderung?
    Sowohl Paul Brandenberg als auch ich haben noch nie ein Hörbuch gemacht. Er hatte aber bereits über zwanzig CDs mit seiner Musik gemacht, deshalb konnte ich auf seine grosse Erfahrung und seine Professionalität zählen. Trotz Corona lief eigentlich alles bei der Produktion reibungslos. Wir waren beim Grafiker Beat Hug, der uns auch gleich fotografierte und das Cover gestaltete, dann waren wir im professionellen Tonstudio in Brunnen für die Aufnahme meiner Texte. Der Rest machte Paul Brandenberg. Der Text auf der CD und der Titel stammen von mir, die Musikstücke waren mein Wunsch und Paul hat sie neu arrangiert, was dann auch eine schöne Überraschung für mich war.

    Ist alles nach Plan gelaufen?
    Ich arbeite sehr gerne mit Paul zusammen. Am liebsten trete ich aber mit ihm zusammen auf. Leider hat es dann für unsere geplante Hörbuch-CD- Taufe am 28. November 2020 in der «Realisierbar» in Steinen bei Jeanette Blank, einer Autorin aus Liechtenstein, knapp nicht gereicht. Die mussten wir auf 2021 verschieben und das Datum ist wegen Corona noch völlig offen.

    Hat die Pandemie noch weitere Pläne im Zusammenhang mit dem Hörbuch durchkreuzt?
    Corona bremst vor allem unsere gemeinsamen Auftritte. Wir haben schon mehrere geplant, in der «Realisierbar» in Steinen, im «Ono» in Bern, in der Landesbibliothek in Vaduz und im Alterszentrum in Niederbipp, wo ich wohne. Im Alterszentrum Niederbipp haben wir den Termin jetzt das zweite Mal und auf Juni verschoben, auf die Zeit, wenn die Leute geimpft sind. Der Buchladen in Langenthal sagte mir letzte Woche, ich solle mich im Herbst für einen gemeinsamen Auftritt melden. Bisher bin ich auch noch nicht persönlich nach  Liechtenstein gereist, um mit den Buchläden über den Verkauf meines Hörbuchs bei ihnen zu sprechen. Wir versenden die CD immer noch von meinem oder Pauls Zuhause. Unser Wunsch für eine CD-Taufe in Liechtenstein steht auch noch in den Sternen.

    Gibt es Pläne für ein Hörbuch Nummer zwei?
    Ich schreibe bereits an der Fortsetzung. Es sind ja einige Verwandte in einer meinen Geschichten noch nicht vorgekommen. Ich habe Paul wegen Corona seit den Fotoaufnahmen nicht mehr persönlich getroffen. Die positiven Rückmeldungen, unter anderem auch von meiner Cousine Miranda, die im «S Gheimnis» vorkommt, ermuntern mich. Sowohl aus Liechtenstein, als auch aus der Schweiz und sogar aus Deutschland habe ich nur gute Rückmeldungen bekommen. Meine älteste Zuhörerin ist 90, sie schrieb mir: «Die Musik ist super. Die CD kann ich nicht oft genug spielen. Danke für das schöne Geschenk, Gruss Hilde». Ganz herzig fand ich auch die Rückmeldung meiner Coiffeuse Tülin, ihre Tochter Jael, Erstklässlerin in der Schweiz, höre die CD rauf und runter.

    Sie schreiben ja auch Kindertexte. Haben Sie mit diesen ein Projekt geplant?
    Es wäre schön, auch meine Kindertexte, die bereits 2010 in der «Schweizer Familie» online veröffentlicht wurden, in eine Buchform zu bringen. 2018 hatte ich diese Idee mit der Druckerei Gutenberg an meiner Lesung in Schaan andiskutiert, leider kam es bisher nicht zustande. Ebenfalls 2018, am ersten Kinderliteratursalon in der Landesbibliothek, las ich den Kindern «Susi mag keinen Schnee» vor und sie waren begeistert. Mal sehen, was die Zukunft noch so bringt. 

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