• 28.09.2020 06:00 | von Mirjam Kaiser

    Grausames Kapitel der hiesigen Geschichte

    Der Schweizer Autor Peter Kamber präsentierte am Freitag seine Biografie über die Rotter-Brüder, die in Liechtenstein grausam zu Tode kamen.

    Der Einstieg in den Ja «Ohne Hansjörg Quaderer würde es dieses Buch gar nicht geben», sagte Autor Peter Kamber im Vorfeld seiner Lesung im Literaturhaus in Schaan. Er habe diese Geschichte zwar schon einmal gestreift bei seinem Buch über den jüdischen Strafverteidiger Wladimir Rosenbaum, sie sei ihm jedoch nicht mehr präsent gewesen. Aufgrund der Möglichkeit, seine Zwischenergebnisse jeweils im Jahrbuch des Historischen Vereins Liechtensteins publizieren zu können, sei er aber an der Geschichte drangeblieben. Er habe viel recherchiert, doch zu schreiben habe er erst begonnen, als eine Mail der Commerzbank bei ihm eingetroffen sei. «Die Commerzbank sammelte alle Zeitungsartikel über die Rotter-Brüder und wusste daher auch, wo Fritz Rotter schliesslich verstarb», so Peter Kamber. «Mit diesen Akten hatte ich den fehlenden Link.»

    Erfolg mit frivolen, wehmütigen Stücken

    So begann Peter Kamber mit dem Aufstieg der grossen Theatermacher Fritz und Alfred Rotter, die bereits als Studenten mit grossem Erfolg erste Stücke inszenierten. Nach und nach kamen grössere Theaterhäuser dazu, bis sie 1932 an die zehn Häuser bespielten, darunter das Metropol in Berlin, das Lessingtheater oder das Theater Zentral in Berlin und Dresden. «Die Rotters blieben quicklebendig. Auch wenn sie Schulden hatten, hatten sie immer wieder grosse Publikumserfolge», zitierte Kamber einen damaligen Journalisten. Sogar die «New York Times» wurde auf die Rotter-Inszenierungen aufmerksam, die durch ihre spezielle Wehmut auffallen würden. Und noch etwas zeichnete die sogenannten Rotter-Bühnen aus: «Die Frivolität in ihren Stücken war etwas, wofür sie früher geprügelt wurden, aber was später zu ihrem Markenzeichen wurde», so Peter Kamber. Um die gemachten Aussagen zu bestätigen, zitiert Kamber in seinem Buch immer wieder aus den inszenierten Stücken. Mit Refrains wie «Warum soll eine Frau kein Verhältnis haben?» stellten sie das damalige Rollenverständnis provokativ in Frage. Mit «Ball im Hotel Savoy» feierten die Rotterbrüder ihren grössten – und auch letzten Erfolg.

    Entführungsversuch durch Nazisympathisanten

    Durch die Nazipropaganda, aber auch durch einen betrügerischen Gegenspieler geraten die Rotter-Brüder immer mehr in Bedrängnis, bis sie schliesslich untertauchen. Zuerst wurden sie «nur» wegen ihrer Insolvenz gesucht, doch nach dem 1. Februar 1933 seien die Fakten von Tag zu Tag umgedichtet worden, so Kamber. Am 5. Februar erhielt die deutsche Polizei einen Anruf eines Liechtensteiner NSDAP-Mitglieds, der den Aufenthaltsort der Rotters verriet. Diese haben sich in Liechtenstein versteckt, da sie bereits 1931 nach dem Ku’damm-Krawall der SA das Liechtensteiner Bürgerrecht erwarben und somit nicht ausgeliefert werden durften. Der Anrufer, Architekt Fritz Roeckle, schlägt der Polizei gleich auch einen Plan für eine mögliche Verhaftung der Rotter-Brüder vor. In Rudolf Schädler und Peter Rheinberger fand Roeckle zwei Komplizen, die sich sogleich einen gemeinsamen

    Entführungsplan zurechtlegten. Bereits zwei Monate später, am 5. April 1933, locken Schädler und Rheinberger die Rotters unter einem Vorwand nach Gaflei, um sie dort festzunehmen und an die Deutschen auszuliefern. Als sich die Rotter-Brüder gemeinsam mit ihren Frauen wehrten und flüchteten, stürzten Alfred Rotter und seine Frau Gertrud zu Tode. Fritz Rotter und Julie Wolf überlebten verletzt.

    Zahlreiche detaillierte Einblicke

    Bei der Rekonstruktion der Entführung zitiert Peter Kamber mehrmals aus den Verhörprotokollen. «Die Aussagen in den Verhören waren Rechtfertigungsversuche und Propaganda gleichermassen», erklärt Kamber. Ihm sei sehr viel an den beschriebenen Details gelegen, da Rhetorik in der Kriegspropaganda eine wichtige Rolle spiele. «Dieser Fall ist exemplarisch dafür, wie auch heute noch Dinge innert kürzester Zeit um 180 Grad gedreht werden können», so Kamber. Auch wenn die Geschichte der Rotter-Affäre in Liechtenstein mittlerweile bekannt ist, gibt Peter Kamber in seinem Buch mit fast tausend zitierten Dokumenten zahlreiche detaillierte Einblicke in das Leben und Schicksal der Berliner Theatermacher. Das Buch scheint auch deshalb wertvoll, da es wegen der Nazipropaganda in Berlin bis heute kaum Erinnerungen an die grossen Theatermacher gebe. Daher startete Peter Kamber kürzlich eine Initiative, an der Stelle des früheren Lessingtheaters in Berlin einen Erinnerungsort entstehen zu lassen.

    Anstatt den angekündigten 45 Minuten las Peter Kamber fast doppelt so lange, doch das Publikum im ausverkauften Literaturhaus hörte gespannt seinen Ausführungen zu. Der Mix aus geschriebener Geschichte und erzählten Hintergrundinformationen machte die Lesung äusserst lebendig und man wollte vom Erzähler noch viel mehr Details über dieses tragische Kapitel Liechtensteiner Geschichte erfahren.

     

    Hinweis

    Das Buch «Fritz und Alfred Rotter: Ein Leben zwischen Theaterglanz und Tod im Exil» von Peter Kamber ist ab sofort im Buchhandel erhältlich.

     

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