• 04.10.2020 23:00

    Emotionale Wechselbäder

    Das Quartetto di Cremona besticht am «Erlebe SOL»-Zyklus mit feinsinnigem Schubert und harschem Beethoven.

    «Aber mein Lieber Beethoven, was hat er nur da wieder gemacht!» So ähnlich soll sich Fürst Esterházy einmal gegenüber dem Komponisten geäussert haben. Das Bonmot hätte jedenfalls bestens zu Ludwig van Beethovens 11. Streichquartett, op. 95 gepasst. Mit ihm eröffnete das Quartetto di Cremona am Sonntagvormittag das 3. Abo-Konzert des Kammermusikzyklus «Erlebe SOL» im Rathaussaal Vaduz. Und das Streichquartett aus der Stadt des Geigenbaus hat den Notentext von Beethoven ernst genommen. Das vor 210 Jahren entstandene Werk gilt als das kürzeste, aber auch das ra­dikalste aller 16 Streichquar­tette Beethovens. Die vier Italiener haben gar nicht erst versucht, den herben Charakter des Stücks mit aufgesetztem Charme aufzupolieren.

    Beethoven für Fortgeschrittene
    Vor 20 Jahren haben sich die vier Musiker beim Studium in Cremona zusammengefunden. Inzwischen zählen sie zu den weltweit führenden Streichquartetten, unterrichten selbst an ihrer alten Schule, der Accademia Walter Stauffer, und die Stadt Cremona hat sie zu Ehrenbürgern ernannt. Mit einer Geige von Nicola Amati, dem Lehrmeister von Stradivari, spielte Primarius Cristiano Gualco sogar tatsächlich ein Instrument «made in Cremona». In Liechtenstein verfügen die Cremoneser schon längst über eine kleine Fangemeinde, wie SOL-Präsident Ernst Walch bei der Begrüssung ausführte. Er appellierte an die gegenseitige Rücksicht und bat ums Maskentragen auch während des Konzertes. 
    Mit dem folgenden Geburtstagsständchen für den Jah­resregenten Ludwig van Beethoven versetzte dann das Weltklasse-Ensemble das Publikum in ein heftiges Wechselbad. Schroff flogen den Zuhörern die ersten Floskeln um die Ohren. Dann wieder folgten im abrupten Wechsel die einschmeichelndsten Phrasen. Da rissen schon im Kopfsatz die ersten Haare an den Bögen.

    Beethoven hat das Stück selbst als «Quartetto serioso» bezeichnete. Seinen Zeitgenossen galt es als exaltiert. Er selbst hat in seinen späteren Streichquartetten diesen extremen Entwicklungsstand zurückgenommen. Umso dankbarer darf man dem Quartetto di Cremona sein: Es hat diese herbe Partitur ungeschminkt in einer heftigen emotionalen Eruption umgesetzt. Dabei sezierten die Musiker die Struktur und legten die Kleinstbausteine, mit denen der Komponist arbeitete, in erstaunlicher Klarheit frei. Im Allegretto entwickelten sie aus diesem abstrakten Gewebe eine suggestive Süsse. Zum Finalsatz holten sie nochmals 
    Anlauf und fassten die scheinbare Widersprüchlichkeit die­ser vier Sätze in einem überrumpelnd kurzen und zwingenden Schlusspunkt zusammen.

    Schubert für Geniesser
    Danach wehte einem ein anderes Aroma entgegen. Freundlich öffnete Franz Schubert in seinem 13. Streichquartett in a-Moll, D 804 die Tür. Doch auch hier fiel bald ein kräftiger, herber Ausdruck. Auch hier folgten im Kopfsatz extreme Stimmungsschwankungen, lagen Forsches und Zartes in stetem abruptem Wechsel. Dabei hoben die Cremoneser in der 
    direkten Gegenüberstellung über­raschende Parallelen zwischen den Quartetten Beethovens und Schuberts zutage – nicht nur in Pausen als Gestaltungsmittel oder den dramaturgischen Akzenten, die das Ensemble wohldosiert, aber markant zu setzen wusste. Mit anschmiegsamer, farbenreich nuancierter Klanggestaltung machte es aber genauso den Unterschied hörbar: Schuberts feine, zarte Grundierung, die leicht elegisch in diesem Stück mit dem Beinamen «Rosamunde-Quartett» durchschimmerte. Im Menuett gab es schliesslich Momente, in denen die Drehbewegung des Tanzes die Schwerkraft aufzuheben schien. Den begeisterten Applaus erwiderte das Quartetto di Cremona mit einem ariosen Satz aus Verdis Streichquartett. (hw)

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