• 20.10.2020 20:44 | von Mirjam Kaiser

    Eintauchen in die abenteuerliche Welt der «MS Lofoten»

    Die Triesner Autorin Sabine Bockmühl entführte gestern eine familiäre Runde in die Welt der traditionellen Postschifflinie Hurtigruten. 

    «Da Reisen im Moment eher schwierig ist, lädt Sabine Bockmühl heute auf eine Reise im Kopf ein», sagte gestern Gasometerleiterin Petra Büchel zur Begrüssung. Diese Reise führte die Besucher an den Nordkap auf eines der ältesten Schiffe der traditionellen Postschifflinie Hurtigruten, die vom norwegischen Bergen über das Nordkap nach Kirkenes führt. Im Mittelpunkt von Sabine Bockmühls Erzählung «Polarkreis-Society» standen neben ihrem verlorenen Koffer die Mitreisenden, die für allerlei Gesprächsstoff sorgten.

    Verlorener Koffer verdirbt Laune…
    Die Reise ans Nordkap beginnt auf dem Hinflug, auf dem Sabine Bockmühls Gepäck verloren geht. Auch das Wetter zeigte sich nicht gerade von der besten Seite, was die Laune der Reisenden in den Keller sinken liess. «Es könnte alles viel schlimmer sein», versuchte sie sich zu beruhigen. Immerhin sei ihr noch das Geld geblieben, mit dem sie sich ein paar neue Kleider kaufte. «Am Abend lag ich in meiner winzigen Koje und hörte den Motor dröhnen, als ob der Maschinenraum gleich nebenan wäre.» Doch dies war nicht ihr grösstes Problem, denn ihre Gedanken kreisten sich immer noch um den verlorenen Koffer und noch schlimmer: ihr verlorenes Notizbuch. Am nächsten Tag gingen die 151 Passagiere zum ersten Mal von Bord, wo sich die Autorin statt Sightseeing zu machen nochmals nach ein paar neuen Kleidern umsah. Ihre schlechte Laune zog sich hin, doch das Mitgefühl der Mitreisenden gab ihr etwas Hoffnung. So lernte sie beim Treffpunkt schlechthin, dem Aschen­becher auf Deck, einige Leute kennen. Darunter ein «pensionierter Indiana Jones, der Alkoholiker zu sein schien» und von dem sie hoffte, dass er sie nicht anspricht. Doch schon nach wenigen gewechselten Worten waren ihre Vorurteile verschwunden und ein neuer Reisekumpane war gefunden. Nachdem das verlorene Gepäck der Ich-Erzählerin auch in Trondheim noch nicht eintraf, kaufte sie dort noch die fehlenden, warmen Kleider. Doch ihr Kofferverlust hatte auch etwas Gutes: «In diesen kofferlosen Tagen vergrösserte sich meine Bekanntschaft täglich.» Trotz einer nahenden Verzweiflung liess sich die Erzählerin bei einer Polarkreiszeremonie Eiswasser auf das Genick giessen und nässte damit einige ihrer wenigen Kleider. In Bodø angekommen, besuchte sie das Nordlandmuseum, wo sie erfuhr, warum ihr dieses Städtchen so «potthässlich» vorkam. Denn im zweiten Weltkrieg war diese Stadt von den Deutschen fast vollständig zerstört worden. Und endlich: Am Abend ist ihr langersehnter Koffer angekommen.

    …und schafft Bekanntschaften
    Fortan konnte sie sich den schönen Dingen Norwegens zuwenden: den schroffen Steilwänden, den Möwen, der Mitternachtssonne, den Leuch­ttürmen und so weiter. Und: «täglich kreuzten wir ein anderes Hurtigrutenschiff.» Dabei beobachtete die Autorin, wie ihre Zuneigung für «ihr Schiff» mit jedem Tag zunahm. Auch die Geselligkeit untereinander nahm stetig zu. Denn da die Restaurantplätze nicht fix eingeteilt waren, gesellten sich alle täglich zu neuen Reisenden aus aller Welt. So lernte die Erzählerin Menschen aus Frankreich, Holland, den USA oder Neuseeland kennen und allen gab sie Namen, die ihrem scheinbaren Naturell entsprachen. So traf «Polite» auf «Perfect», «le beau» auf «le bete» und «Elo» auf «Quent». Dank der genauen Personenbeschreibungen tauchten die Reisenden bildhaft vor dem inneren Auge auf und man fühlte sich mitten auf die MS Lofoten versetzt. Auch den starken Seegang konnte man schmerzlich nachempfinden: «Das Schiff neigte sich so stark zur Seite, dass man meinte, man könne bald die Fische durchs Seitenfenster sehen.» Auf ihrer zweiwöchigen Reise nahm die Autorin an einem Ausflug teil, um die Kultur der Samen besser kennenzulernen und fühlte sich dort wie als «Statistin im täglichen Kulturtheater». Die Erwähnung, dass die umherziehenden Samen vielerorts auf Ablehnung stossen, liess in ihr der Gedanke an die Sesshaftigkeit und die damit einhergehende Besessenheit von Besitztümern aufkommen. «So kam ich ins Grübeln, warum mich der Verlust meines Koffers so sehr getroffen hat», so die Autorin. Und damit nicht genug: Auf der Rückreise ging der Koffer der Ich-Erzählerin ein zweites Mal verloren. «Doch dies wär eine andere Geschichte...»

    Die Erzählung ist 2019 in dem Buch «Schreibende Nomaden entdecken Europa» erschienen

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