• 18.10.2020 21:37

    Der Meister der blauen Noten

    Das Thierry Lang & Heiri Känzig Duo stellte in einem wunderbaren Konzert in der Tangente seine CD «Celebration» vor.

    Tatsächlich ist «Celebration» die allererste CD, welche die beiden Musiker, die seit mehr als 25 Jahren miteinander spielen, als Duo aufgenommen haben. Das mag erstaunen. 25 Jahre sind eine lange Zeit für eine Jazzband. Aufnahmen, auf denen sie zusammen zu hören sind, gibt es viele und in ganz unterschiedlichen Konstellationen. Dass nun eine Duo-CD dieser beiden Ausnahmemusiker herausgekommen ist, weckt in Anbetracht ihrer langen gemein­samen Geschichte natürlich Erwartungen. Für das Tangente-­Publikum nicht zuletzt auch die Tatsache, dass man den Kontrabassisten Heiri Känzig über all die 40 Jahre schon öfters und ebenfalls in unterschiedlichsten Kombos hat live geniessen dürfen, den Westschweizer Pianisten Thierry Lang aber noch nie. Höchste Zeit also, in mehrfacher Hinsicht, für einen Liveauftritt dieses Duos in der Tangente – und – was für ein Ohrenschmaus ist es geworden! Während draus­sen die Welt gerade wieder im düsteren Coronairrsinn versinkt, wurde in der Tangente und mit der neuen CD ein strahlendes Licht entzündet, welches Herz und Seele erhellt und in dem ganzen Meer von erneuten Konzertabsagen eine wohltuende Insel darstellt.

    Eine Art Heimkommen
    Thierry Lang und Heiri Känzig spielen Standards sowie alte und neue Eigenkompositionen, ganz wie es der Moment gerade verlangt. Völlig unverkrampft und entspannt beginnen sie mit «My Funny Valentine». Es ist eine Art Heimkommen für die beiden. Es geht nicht darum, die Musik neu zu erfinden, es geht nicht darum, im avantgardistischen Sinne unbekanntes Neuland zu versuchen, sondern mehr um eine Rückkehr in einen vertrauten Kokon, und in diesem Kokon lässt sich wunderbar Kraft tanken. Es geht um ein intensives, gemeinsames, dialogisches Musizieren, sehr gepflegt, sehr aufmerksam und voller Anerkennung für die Qualitäten des jeweils anderen. Aber gerade dieser, fast möchte man sagen «geschützte» Raum, zusammen mit der herausragenden Musikalität der beiden Protagonisten, ermöglicht letztlich ein gemeinsames Musizieren, das eben doch weit mehr ist, als einfach das Spielen altbekannter Nummern in altbekannter Vertrautheit. Nein, da ist, verbunden mit der verinnerlichten Tiefe, auch eine Frische und eine Spielfreude, die auch dem abgegriffensten Standard zu neuer Blüte verhilft. Diese Spielfreude und diese Frische legen sich wie ein Zauber nicht nur über die Musiker, sondern natürlich auch über das Publikum.

    Musikalische Freundschaft
    Und so wird es im Verlauf des Konzertabends zunehmend dichter und strahlender. Livemusik, gerade im Jazz, lässt eine energetische Wechselwirkung entstehen, der sich niemand im Raum entziehen kann. Die blauen Noten, also jene, die eben nicht aufgeschrieben auf dem Blatt stehen, entstehen aus dem Hier und Jetzt und die Faszination dieser Musik überträgt sich auf alle. Und so entsteht ein «Summertime», das allen ein Grinsen ins Gesicht zaubert, Mancinis «Days of Wine & Roses» oder Johnny Mercers «Emily» begeistern so sehr wie die Eigenkompositionen «Just Mine» oder «Island». Ob Walzer, Blues oder verträumte Melodie, stets sind die beiden Musiker gleichzeitig Gestalter und Begleiter, Solisten und Unterstützer, Herausforderer und Besänftiger. In traumwandlerischer Sicherheit und tief­gründiger Vertrautheit bewegen sich Lang und Känzig durch die Stücke und wissen beide, was der eine vom jeweils anderen will, nämlich dessen ureigenständigste Musikalität. Selten hat man musikalische Freundschaft in solcher Intensität erleben dürfen. (aoe)

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