• 23.10.2020 11:30 | von Damian Becker

    Als ein «Fixer» für Aufregung sorgte

    Im Vaduzer Städtle stand in der Mitte der 1990er-Jahre eine Skulptur, die vielerorts eine Kontroverse auslöste.

    Der «Fixer» durchging einige Wegstationen. Die Marmorskulptur sorgte jeweils an ihrem neuen Standort für Aufsehen und löste Kontroversen aus. So auch in Vaduz im Jahr 1994. Für viele Liechtensteiner wollte die Skulptur eines Mannes, der sich eine Heroinspritze in die Venen drückt, nicht ins Ortsbild pas­sen. Das Mahnmal, geschaffen von Lilian Hasler, heutige Präsidentin von Visarte, zwang die Menschen, dort hinzuschauen, wo sie wegschauen wollten.

    Vom Platzspitz in Zürich ins Vaduzer Städtle
    Als Inbegriff des Heroin-Elends galt in der damaligen Zeit der Platzspitz in Zürich, wohin es auch abhängige Liech­tensteiner zog. Bevor die Skulptur zwischen Engländerbau und Kunstmuseum am 3. März 1994 in Vaduz aufgestellt wurde, präsentierte Hasler sie erstmals am Eingang des Platzspitz am 31. Oktober 1992. Dort akzeptierten die Be­hör­den das Kunstwerk nur für eine kurze Zeit. Der damalige Präsident des Kulturbeirats in Liechtenstein, Robert Allgäuer, hatte die zündende Idee, sie in Vaduz aufzustellen.

    Es war vorauszusehen, dass in Liechtenstein wie Zürich die Meinungen gespalten sein werden. «Für die einen ist es Kunst, die anderen fühlen sich in ihrem Schamgefühl verletzt», fasste es das «Vaterland» zusammen. Ein Blick in die damaligen Leserbriefspalten offenbart den Unmut. Eine Person schrieb: «Die Skulptur hat sich hier verirrt. Und jedes Mal, wenn ich sehe, denke ich: ‹Nein.› Ich finde sie kalt, und sie gehört nicht hierher.» Auch international zog die Skulptur Aufmerksamkeit auf sich. Deutsche wie französische Medien berichteten über die Figur im Hauptort Liechtensteins.

    Angesprochen wurde Lilian Hasler auf ihr Kunstwerk oft, etwa von Personen aus ihrem weiten Verwandtenkreis. Hasler konnte verstehen, dass es für einige Personen «aufwühlend» sei. Eine Freundin hatte ihr sogar erzählt, dass ihr Kind ob der Plastik Angst hatte und weinend nach Hause kam.

    Das Kunstwerk spaltete aber auch die Künstlergemeinschaft. Während einige Kunstschaffende voll des Lobs waren, degradierten es Haslers Künstler­generation. Ihrer Meinung nach sollte Kunst nicht illustrieren, sondern sich in abstrakten Sphä­ren bewegen. Das traf nicht Hasler Kunstverständnis. Ihr ist es eben darum gegangen, Geschichten zu erzählen. «Heroin war eine Gesellschaftsfrage und man wollte nicht hinschauen.» Welch weite Kreise die Diskussion über ihre Skulptur zog, war für Hasler dennoch überraschend. Wie vielfach in der Kunst, hatte die Künstlerin die Wirkung ihres Werks nicht mehr in der Hand.

    «Potent und nicht heruntergekommen»
    Die gut zwei Meter hohe Figur porträtiert aber nicht das Klischee eines Drogensüchtigen. Muskelbepackt ist sie und «potent», wie Hasler sagt: «Ich wollte nicht ein heruntergekommenes Opfer zeigen, sondern jemanden, der sich für einen Weg entschieden hat.» Ein Kunstwerk ist auf viele Ebenen zu deuten. Während sie auf ein Problem aufmerksam machen wollte, «interpretierten einige die Faust als Masturbationsgeste.» Das sei jedoch nie Teil ihrer Aussage gewesen.

    Vom Regierungsviertel auf die Deponie
    Die Regierung entschloss sich im Jahr 1997, den «Fixer» abzutransportieren. Ob die anhaltende Kontroverse zu diesem Entscheid geführt hatte, negierte die Regierung. Diese musste sich verantworten, weil die Entfernung wiederum Unmut verursachte. Doch laut dem damaligen Regierungschef Mario Frick genoss das Standbild lediglich Gastrecht, weil solche Aufträge mit Fristen belegt sind: «Nach Auffassung der Regierung ist es aber unzulässig, in Zusammenhang mit der Verlegung dieser Skulptur auf die Haltung der Regierung in Bezug auf die Kultur- und Drogenpolitik zu schliessen.» So wurde die Skulptur auf Anregung von Robert Allgäuer auf der Bauschuttdeponie zwischengelagert.

    Dort sollte sie jedoch nicht lange bleiben. Der Polizist Arnold Kaiser, der in Schaanwald 250 Meter von der Grenze entfernt lebte, stellte den «Fixer» 1998 unter Absprache mit der Künstlerin in seinen Garten. «Unübersehbar für Einreisende, Ausreisende und Passanten steht die Skulptur jetzt also im Garten der Familie Kaiser auf einem speziell geschaffenen Platz», hiess es im «Vaterland». 

    Zwischenzeitlich kaufte die Skulptur eine Privatperson aus Winterthur. Zurück in der Schweiz, ist die Odyssee des «Fixers» abgeschlossen.

    Geteilt: x