Konflikt zwischen Unter- und Oberland

«Goldmänner» und «Österreicher»

Die Gründung der Wahlkreise Ober- und Unterland war das Ergebnis eines immensen Konfliktes um die Einführung der Goldwährung.
Elias Quaderer
Elias Quaderer
300 Jahre Fürstentum Liechtenstein
Lichtshow anlässlich des 300-Jahr-Jubiläums Liechtensteins am Scheidgraben, der Grenze zwischen Ober- und Unterland. (Bild: Daniel Schwendener)

Einst teilte sich das Gebiet Liechtensteins in die Herrschaften Vaduz und Schellenberg auf, heute in die Landesteile und Wahlkreise Ober- und Unterland. So lautet die gängige Erklärung. Allerdings sind die beiden Wahlkreise Liechtensteins jüngeren Datums und stehen mit den beiden Herrschaften Vaduz und Schellenberg nur indirekt in Verbindung. Die Aufteilung Liechtensteins in zwei Wahlkreise resultierte aus einem Konflikt, der als «Münzwirren» in die Geschichte einging.

Am Anfang der Auseinandersetzung stand eine massive Entwertung des Silbers zu Beginn der 1870er-Jahre. Liechtenstein war durch den Zollvertrag mit Österreich an dessen Münzsystem gebunden; gesetzliche Landeswährung waren die österreichischen Silbergulden. Mit dem Preissturz des Silbers verlor auch der Silbergulden zunehmend an Wert. Problematisch war die Situation für das Liechtensteiner Oberland. Der Landesteil stand im engen Wirtschaftsverkehr mit der Schweiz. Jedoch hatte die Schweiz bereits den Übergang zur Goldwährung vollzogen und die Oberländer konnten dort ihre Silbermünzen nur noch mit massiven Verlusten anbringen. Um in der Notsituation Abhilfe zu schaffen, bemühte sich der mehrheitlich mit Oberländern besetzte Landtag um eine Revision des Landesmünzgesetzes. Ein neues Münzgesetz sah faktisch die Einführung des Schweizer Frankens vor.

Aber im Unterland formierte sich Widerstand gegen die Währungsreform. Die Unterländer Bauern führten ihre Waren vor allem nach Vorarlberg aus und wurden dort mit österreichischen Silbergulden bezahlt. Mit dem neuen Gesetz drohte ihnen, dieses Geld nur noch mit Verlust in Liechtenstein verwenden zu können. Aber die vier Unterländer Abgeordneten im Landtag vermochten sich nicht gegen die Mehrheit der elf Oberländer Abgeordneten durchzusetzen. Der Landtag nahm am 23. Dezember 1876 die Gesetzesvorlage mehrheitlich an. Die Unterländer Abgeordneten hatten im Vorfeld der Abstimmung aus Protest ihre Mandate niedergelegt.

Die «friedliche Revolution» der Unterländer

Nach dem Beschluss zur Einführung der Goldwährung kehrte aber keine Ruhe in Liechtenstein ein. Die Gegner der Währungsreform begannen die Befürworter als «Goldmänner» zu beschimpfen; sich selbst bezeichneten sie als «Österreicher». Einige Unterländer trugen den Grenzpfahl von der österreichisch-liechtensteinischen Grenze in Schaanwald weg und pflanzten ihn an der alten Grenze zwischen der Grafschaft Vaduz und der Herrschaft Schellenberg wieder ein.

Ungeachtet der Vorkommnisse traf sich der Landtag am 13. Januar 1877 zu seiner Schlusssitzung. Allerdings hatte sich bereits am frühen Morgen die wahlfähige Bevölkerung des Unterlandes versammelt, um gegen das Gesetz zu demonstrieren. Rund 600 Unterländer zogen nach Vaduz und nahmen vor dem Landtagsgebäude Stellung. Eine Delegation der Massendemonstration unterbreitete dem damaligen Landesverweser Karl Haus von Hausen zwei Forderungen: Sistierung des Münzgesetzes und Auflösung des Landtages. Sollte ihren Forderungen nicht entsprochen werden, drohten die Unterländer mit dem Anschluss an Österreich. Diese Aktion ging in die in- und ausländischen Presse als «friedliche Revolution» ein.

Landesverweser von Hausen empfahl Fürst Johann II., den Forderungen der Unterländer nachzugeben. Der Fürst  teilte die Ansicht seines Landesverwesers. Aber er wollte von ihm wissen, ob nicht die Gründung einer Bürgerwehr in Liechtenstein wünschenswert wäre, um im Land für Ruhe und Ordnung zu sorgen. Landesverweser von Hausen riet davon ab: In Liechtenstein seien ohnehin alle miteinander verwandt und verschwägert. Folglich sei nicht gewährleistet, dass eine Bürgerwehr sich im Falle von Unruhen loyal gegenüber den Behörden verhalten werde. Falls die Unterländer tatsächlich versuchen sollten, sich Österreich anzuschliessen, solle am besten das österreichische Militär gerufen werden, um die öffentliche Ordnung in Liechtenstein wiederherzustellen.

Der bisher erbittertste Wahlkampf Liechtensteins

Über das Frühjahr 1877 erlebte Liechtenstein den erbittertsten Wahlkampf, den das Land bisher gesehen hatte: Die Oberländer beschimpften die Unterländer als «Kragöhler», «Revoluzzer» oder «verkappte Kommunisten». Die Unterländer klagten über Benachteiligungen ihres Landesteiles und drohten erneut mit einer Separation vom Oberland.

Am 30. April 1877 wurde zur Wahl geschritten. Nach geltendem Wahlrecht wählte die Bevölkerung zunächst Wahlmänner. Die Wahlmänner bestimmten daraufhin zwölf der insgesamt 15 Landtagsabgeordneten; die drei übrigen Abgeordneten wurden vom Fürsten ernannt. Die Oberländer Gemeinden konnten insgesamt 100 Wahlmänner entsenden, die Unterländer 60. Die Oberländer Wahlmänner hatten sich allerdings vor den Wahlen abgesprochen, nur Vertreter ihres Landesteiles zu wählen. Folglich erlangten im ersten Wahlgang auf Anhieb sieben Oberländer ein Abgeordnetenmandat und kein einziger

Unterländer. Die Unterländer waren über dieses Vorgehen empört und verliessen den Wahlakt. Damit konnten die Wahlen aber nicht mehr fortgesetzt werden, da gemäss Verfassung mindestens zwei Drittel der Wahlmänner für eine gültige Wahl anwesend sein mussten. Statt mit den Neuwahlen eine Befriedung zu erreichen, befand sich das Land in einer noch grösseren Staatskrise.

Eine Wahlrechtsreform beruhigt die Gemüter

Nach monatelangen Verhandlungen konnten sich die Ober- und Unterländer Wahlmänner auf einen Kompromiss einigen: Die übrigen fünf Landtagssitze sollen Unterländer Kandidaten zufallen. Am 18. Oktober 1877 wurden die Wahlen fortgesetzt. Aufgabe des neu gewählten Landtages war es aber nur, ein neues Wahlgesetz auszuhandeln, das dem nördlichen Landesteil eine bessere Vertretung zusichern sollte. Der Landtag beschloss, künftig die Wahlen in getrennten Wahlkreisen durchzuführen. Dem Wahlkreis Oberland standen sieben Abgeordnete zu, dem Wahlkreis Unterland fünf. Die ersten Wahlen nach dem neuen Wahlmodus fanden am 15. Mai 1878 statt. Bereits damals beanstandeten die Oberländer, dass nach den Bevölkerungsverhältnissen die Unterländer fortan im Landtag übervertreten werden. Aber es setzte sich letztlich die Überzeugung durch, dass nur durch eine bessere Vertretung des Unterlandes die erregten Gemüter beruhigt werden können. Der Übergang zur Goldwährung sollte Liechtenstein erst 1898 gelingen, nachdem Österreich die auf Gold basierende Kronen-Währung einführte

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