• 24.01.2021 06:00 | von Stephanie Fleisch

    Wo der «Güg» seine Brote backt

    Den Familienbetrieb führt Marco Ritter bereits in fünfter Generation. Zum Bäcker fühlt sich der «Güg» berufen. Seine Brötchen will er aber nicht nur in Mauren backen. Nach seiner Pensionierung kann er sich gut vorstellen, mit seinem Handwerk soziale Projekte im Ausland zu unterstützen.

    Wenn man von Marco Ritter spricht, spricht man vom «Güg». Unter diesem Namen kennt man vor allem noch seinen Vater, den Otto. «Der hat sich sogar am Telefon mit ‹Güg› gemeldet», erinnert er sich und lacht. Er selbst identifiziere sich mit dem Namen weniger. Der erste, der echte «Güg», das war sein Vorfahr. «Damals wohnten die Gesellen noch im Haus. Diese hat mein Urgrossvater morgens mit der Guga geweckt.» Nicht nur der Name ist geblieben, sondern auch das Handwerk. Wie schon sein Vater ist auch Marco Ritter von Beruf Bäcker. Den kleinen Familienbetrieb in Mauren, der für seine «Güga-Bürle» und, laut Kunden, besten Zöpfe im Land bekannt ist, führt er bereits in fünfter Generation. Ein Musikinstrument spiele er keines. Das ist auch nicht nötig. Unterm Dach, über der Bäckerei, dort, wo früher die Gesellen ihr Lager hatten, wohnt heute der Bäckermeister selbst, mit seiner Frau und den drei Kindern. Im ganzen Haus duftet es nach frisch Gebackenem – derzeit nach süssen Berlinern. «Wir riechen das schon gar nicht mehr», meint er und zuckt mit den Schultern. Es ist kurz nach 9 Uhr. Normalerweise wird er um diese Zeit mit der Arbeit fertig. Bevor er sich, erschöpft von der nächtlichen Arbeit, ins Bett legt, verbringt er gern noch etwas Zeit mir seiner Frau. Dann wird gemeinsam gefrühstückt, ein Spaziergang oder ein paar Besorgungen gemacht. «Solche Momente sind sehr wertvoll für uns», erklärt er. Bevor die Kinder in die Schule gekommen sind, hat er noch gern etwas mit ihnen unternommen.

    Sein Arbeitstag beginnt um 1.30 Uhr. Während der Weihnachtszeit noch früher. Nachts zu arbeiten, habe ihn nie gestört. «Ich habe mich recht schnell daran gewöhnt.» Schon als Kind habe er gern Brot gebacken oder mit Freunden nach der Schule die Backstube unsicher gemacht. Heute helfen ihm seine beiden älteren Töchter manchmal aus, «um sich das Taschengeld aufzubessern». Beide hätten sein Bäckertalent geerbt, wie er nicht ohne Stolz erzählt. Die Älteste fange aber kommenden Herbst ihre Lehre zur Pharmaassistentin an. Ob eines der Kinder den Familienbetrieb irgendwann übernehmen werde? «Das steht noch in den Sternen», meint er. Das sei ihm ohnehin nicht wichtig, wie er erklärt. «Ich möchte, dass meine Kinder glücklich sind mit dem, was sie tun.» 
    Dass Marco Ritter einmal den Familienbetrieb weiterführen würde, sei auch nicht immer sicher gewesen. «Der Beruf des Gärtners hätte mir genauso gut gefallen», gesteht er. Heute gehört die Arbeit im Garten zu seinen liebsten Hobbys. ­Bereut habe er seine Entscheidung nie. 



    Eine unvergessliche Reise
    Würde er nicht den Familienbetrieb in Mauren führen, wäre Marco Ritter vermutlich ausgewandert und hätte in einem anderen Land seine Brote gebacken. Ein Traum, den er noch heute hege, wie er verrät. «Ich würde gern nach meiner Pensionierung beim ein oder anderen Projekt mitarbeiten, und zum Beispiel Brot für Arme in Afrika backen oder so …» 

    Zwei Mal habe er bisher ausserhalb Liechtensteins gearbeitet. Drei Jahre hat er in einer bekannten Davoser Bäckerei Erfahrungen gesammelt. «Und mit 22 Jahren bin ich nach Kolumbien gereist und habe dort in einem Kinderdorf vom Liechtensteiner Entwicklungsdienst (LED) gearbeitet.» Die ehemaligen Leiter des Dorfes, ein Paar aus dem Fürstentum, seien damals auf seinen Vater zugekommen und hätten ihn um seine Hilfe gebeten. Als Geschäftsleiter konnte er jedoch den Betrieb nicht allein lassen. «Also hat er vorgeschlagen, dass ich gehe.» Ganz begeistert sei er von der Idee anfangs nicht gewesen. Nach ein paar Wochen Bedenkzeit habe er schliesslich zugestimmt, «weil alle meine Kollegen und sogar meine Oma meinten, ich müsste das unbedingt machen». Eigentlich sei die Oma sonst eine eher ängstliche Frau gewesen. Doch da sogar sie ihm zur Reise geraten habe, sagte er schliesslich zu. 

    Ursprünglich wollte er nur zwei Monate in Kolumbien bleiben. Schnell hat er um einen weiteren Monat verlängert, und dann noch einen. «Schliesslich habe ich beschlossen zu bleiben, solange mein Flugticket gültig ist.» Ein halbes Jahr hat er schliesslich in Südamerika verbracht und mit den Kindern dort Brot gebacken. «Ein spezielles, mit vielen verschiedenen Körnern. Das haben wir versucht an reiche Leute zu verkaufen, um Geld für die Kinder und das Dorf zusammenzubekommen», erzählt er. Das Brot sei gut angekommen. Immerhin kennt man dort sonst nur Weissbrot. Was nicht verkauft wurde, hat man selbst gegessen. Mittlerweile sei die Bäckerei in Kolumbien geschlossen, was er sehr bedauert. Doch noch heute erinnern sich die Kinder von damals an seine Brote. «Dank Internet und Facebook habe ich noch mit einigen Kontakt», erklärt der «Güg». 



    Die Familie: die besten Tester und Kritiker

    Für diese wertvolle Erfahrung ist Marco Ritter seinem Vater noch heute sehr dankbar. Seither sei er besonders sensibel, wenn es um Lebensmittel geht. So lande in seiner Bäckerei auch kein Brot auf dem Müll, wie er betont. «Wir geben unsere Reste schon seit Jahren an das Schellenberger Kloster.» Berge, wie man sie vielleicht aus Berichten im Fernsehen kenne, seien das aber keine. «Wir sind ein Kleinstbetrieb und unsere Kunden sind sich bewusst, dass wir um 5 Uhr nachmittags nicht mehr eine so grosse Auswahl haben.» Gestört habe sich daran noch keiner. 

    Um neben Gross- und Billiganbietern überleben zu können, braucht es viel Herzblut und Kreativität. Beides hat der «Güg». Immer wieder probiere er neue Rezepte aus. Dann überrascht er seine Kunden zum Beispiel mit einem Brennnesselbrot oder einem mit Kurkuma und Honig. Inspirieren lasse er sich vom Internet oder auch mal von anderen Bäckern aus dem Ausland. Bevor eine neue Kreation im Verkauf lande, müsse allerdings die Familie als Versuchsobjekt herhalten. «Sie freuen sich immer, wenn sie etwas bekommen. Dafür sind sie ehrliche Kritiker», sagt er. Sein grösster Kritiker sei er jedoch selbst, wie er gesteht.
    Ausserhalb seiner Backstube schwinge er nur selten den Teigspatel bzw. Kochlöffel. «Ich habe sonst das Gefühl, nur noch zu arbeiten», meint er und lacht. Dabei wüssten seine Kinder die Kochkünste vom Papa sehr zu schätzen, wie seine Frau erzählt. Sie bewundere vor allem seine Aufgeschlossenheit.

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