• 25.10.2020 00:00 | von Melanie Steiger

    Übereifrige Arbeitstiere

    Vor allem in den Alpen hat sich die Zusammenarbeit mit Hütehunden für die Hirten bewährt. Die Hunde holen die Schafe nach Hause und treiben sie auf die Weide. Und das viel schneller und effizienter, als Menschen es könnten.

    Unbeweglich und vollkommen konzentriert lauert der Border Collie am Boden. Sein Blick fixiert die Schafherde. Gespannt wartet er auf das nächste Kommando. Sobald dieses erfolgt, prescht er los und führt es voller Eifer aus. Sein Schwanz bleibt dabei zwischen den Hinterbeinen eingezogen, was bedeutet, dass er ganz bei der Sache ist. Wenn der Hund an den Schafen arbeitet, ist es für ihn wie eine Droge. Der Border Collie rennt bis zum Umfallen und möchte seinem Menschen gefallen. Diese Hunde sind übereifrige Arbeitstiere. Darum besteht auch die Gefahr, dass sie sich selbst überfordern. Als Hundeführer muss man deshalb darauf achten, dass der Hund Pausen einlegt und wieder zur Ruhe kommt. Der Hütehund ist «zweisprachig» ausgebildet, hört auf die Stimme wie das Pfeifen. Die verschiedenen Melodien weisen ihm die Richtung. 

    Über grosse Flächen verteilt

    Hierzulande werden Hütehunde vor allem auf Höfen und Alpen mit Schafen eingesetzt. Border Collies eignen sich dafür am besten. Denn für diese Aufgaben wurden sie ursprünglich in Grossbritannien gezüchtet. Schliesslich sind die Engländer, Waliser und Schotten bekannt für ihre Schafhaltung. Anders als bei uns bleiben die Tiere auf der Insel nicht eng zusammen, sondern verteilen sich über grössere Flächen. Um sie zusammenzutreiben, brauchen sie Hütehunde. Das Wort «Border» (Grenze) bezeichnet die Herkunft zwischen England und Schottland. «Collie» ist im Prinzip auf Deutsch übersetzt ein «nützliches Ding». Die Briten brauchten eher kleinere, wendige Hunde, die feinnervig sind, um die Schafe zusammenzutreiben, voneinander zu separieren oder sie nach Hause zu holen. Da hier die Arbeitsweise der Briten übernommen wurde, erfolgen die Kommandos ebenfalls auf Englisch. «Border Collies haben ein internes Navigationssystem. Sie wissen, wo sich der Startpunkt befindet, rennen los, treiben die Schafe zusammen und bringen sie zum Ausgangspunkt zurück, auch wenn die Herde kilometerweit entfernt ist», erzählt Sandra Hotz von der Swiss Sheep Dog Society (SSDS), der nationalen Organisation für die Ausbildung und den Einsatz von Hütehunden in der Schweizer Nutztierhaltung. Diese Eigenschaften der Hunde ist ein enormer Vorteil in den Alpen. Sie erinnert sich an eine Bekannte, wie sie früher mit zwölf Personen die Schafherden von einer Weide auf die nächste trieb. «Heute macht sie das mit zwei Hunden alleine.» 

    Wissen über Schafe aneignen

    Auf die Border Collies gekommen sind Sandra Hotz und ihr Lebenspartner Karl Schierscher über Bekannte, die die Hunde seit Jahren als Hütehunde einsetzen. «Wir schauten stets gerne bei der faszinierenden Arbeit der Hütehunde zu.» Jedoch wollten sie die Hunde nur, wenn es zugleich die Möglichkeit gibt, Schafe zu halten. Kurzerhand lernten sie auf einer Schaffarm das Wissen über die Wollknäuel und wuchsen in die Aufgabe hinein. Seit 2005 betreiben sie gemeinsam eine Hobby-Schafzucht von verschiedenen Landrassen und besitzen Border Collies. Die zwei setzten auf eine ausdauernde Schafrasse, die nicht so rasch aus der Puste kommt, um mit den Hunden an ihnen zu arbeiten.

    Beliebt ist die Hunderasse auch für Prüfungen von Hütehunden. Darin geht es meist um die Qualität der Tiere für die Zucht und für einen Arbeitsvergleich. Auch Sandra Hotz nimmt gerne daran teil. Mittlerweile hat sie mit ihren Hunden bereits an Europa- wie auch Weltmeisterschaften teilgenommen. Dabei muss der Hund die Schafe durch einen vorgegebenen Parcours innerhalb einer bestimmten Zeit treiben. Das wird von Richtern nach einem Punktesystem bewertet.

    Nie fertig ausgebildet

    Frühreife Hunde können bereits in einem Alter von vier Monaten ins Training genommen werden, andere erst später, da ist jeder Hund anders. Etwa einjährig kann man ihn auf dem Hof, um die Schafe in den Stall oder eine andere Weide zu treiben, einsetzen. Mit jungen Hunden trainiert Sandra Hotz drei bis vier Mal in der Woche. Für einen bereits ausgebildeten Hund reicht es, ihn einmal wöchentlich im Training zu halten, um an den Feinheiten zu arbeiten. Das ist etwa mit vier Jahren der Fall. «Fertig ausgebildet ist er eigentlich nie», sagt Sandra Hotz. Stets könne man an der Ausführung der Kommandos feilen und diese noch Unterteilen. «Es kommt immer darauf an, was man mit dem Hund erreichen möchte.» Vom Charakter her ist der Border Collies ein anhänglicher und freundlicher Hund. Er ist aber nicht als Familienhund geeignet, da er voller Tatendrang ist und Beschäftigung braucht. «Die Rasse ist faszinierend und vielfach auch verkannt. Viele haben das Gefühl, weil es eine kleine Hunderasse ist, sei sie einfach zu halten. Aber zwei Mal am Tag eine halbe Stunde spazieren reicht ihm bei Weitem nicht.»

    Auf Leistung gezüchtet

    Die Tiere müssen arbeitswillig sein und bereit dazu, Kommandos anzunehmen sowie mit dem Menschen arbeiten zu wollen und das Interesse an den Schafen haben. «Nicht mehr alle Border Collies weisen diese Eigenschaften zwingend auf», erzählt Sandra Hotz. Ihre Border Collies stammen aus einer Arbeitslinie. Diese Hunde sind auf ihre Leistung und der Arbeit an den Schafen gezüchtet. Es geht um den Instinkt, die Herde zusammenzutreiben, und den Gehorsam. Darum gibt es so viele verschiedene Border Collies, da es auf das Aussehen nicht ankommt: Kurzhaar, Langhaar, dreifarbige, braun-weisse, mit Steh- oder Hängeohren. 
    Die Schafe wie die Hunde von Sandra Hotz und Karl Schierscher sind sich aneinander gewöhnt. «Die Schafe wissen, welcher Hund wie tickt und entsprechend verhalten sie sich. Wenn ein neuer Hund auf sie zugeht, sind sie erst etwas unsicher, bis sie merken, dass dieser die Regeln kennt. Sie sind während der Arbeit nicht gestresst», erläutert Sandra Hotz.

    Eine gewisse Distanz wahren

    Wenn der Hund zu hektisch auf die Schafe zugeht, kann es durchaus passieren, dass sie sich erschrecken und auseinanderrennen. Und genau darin liegt die Kunst: der Hund muss so nahe an die Schafe heran, bis sie loslaufen, aber doch noch eine gewisse Distanz wahren, damit der Fluchtinstinkt der Herde nicht ausgelöst wird. Diese muss er kennen und einschätzen können. Darum trainiert man den Hund erst entlang eines Zaunes, damit er die Kommandos für die Richtung lernt. «Junge Hunde sind oft etwas übermütig und bewegen sich teilweise zu hektisch oder preschen in die Herde hinein. Dann bewegen sich die Schafe auch zackiger, aber sie haben keine Panik.» Meist würden die Schafe bereits zusammenstehen, wenn sie den Hund kommen sehen, da sie wissen, was auf sie zukommt. Sobald der Hund sich nicht mehr bewegt, halten auch die Schafe inne.
    Die Hütehunde sind sehr flink und es ist faszinierend, ihnen bei der Arbeit zuzusehen. Wie rasch und gehorsam sie die Kommandos umsetzen und ihrem Instinkt folgen, es dem Menschen recht zu machen.

    Schweizer Meisterschaft

    Hütehunde bei der Arbeit in der Heuwiese
    Die Swiss Sheep Dog Society(SSDS) ist die nationale Organisation für die Ausbildung und den Einsatz von Hütehunden in der Schweizer Nutztierhaltung. Die Regionalgruppe Zentralschweiz führt dieses Wochenende die 35. Schweizermeisterschaft auf der Tratt in Weite durch. 

    In den Qualifikationsläufen am Freitag und Samstag muss eine Gruppe von fünf Schafen, im Finale am Sonntag von je zehn Schafen, über eine Distanz von zirka 300 Metern eingeholt und dann über einen vordefinierten Parcours getrieben werden. Dabei darf der Hundeführer seinen Ausgangspunkt nicht verlassen und seinen Hund lediglich mit Pfiffen und Worten kommandieren. Die Richter überwachen den Verlauf des Geschehens und verteilen Punkte. 

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