• 28.02.2021 06:00

    Noch lange keine Langeweile

    Eine volle Agenda, kaum ein Abend zu Hause, stets drei, vier neue Projekte gleichzeitig in der Pipeline: Tamara Kaufmann kannte jahrelang nichts anderes – bis vor Kurzem.

    Das Jahr 2020 war ein ungewöhnliches Arbeitsjahr für die Tänzerin und Choreografin aus Balzers: mit einzelnen kleinen Projekten, die aber auch oft wieder abgesagt wurden. «Seit Anfang dieses Jahres läuft gar nichts mehr», erzählt Tamara Kaufmann. «So langsam realisiere ich, dass ich daheim bin und nicht mehr gebraucht werde. Vorher war ich überflutet mit so vielen Dingen. Jetzt bin auch ich im Lockdown angekommen.» Doch anstatt Trübsal zu blasen, sieht sie die neue Situation als Chance: «Es geht mir trotzdem gut, ich hatte noch nie so eine stressfreie Zeit wie jetzt.»

    Bewegung spielt nach wie vor eine grosse Rolle in Tamara Kaufmanns Leben: Skitouren, langlaufen, snowboarden, snowkiten – das alles in der wunderbaren Natur direkt vor der Haustür, das ist ein Luxus, den sie sehr zu schätzen weiss. «Bei schlechtem Wetter räume ich meinen Computer auf oder die Wohnung. Das habe ich im ersten Lockdown verpasst», ergänzt die Luftakrobatin schmunzelnd. Zu ihrer handwerklichen Leidenschaft – dem Nähen – ist sie noch gar nicht gekommen. «Ich weiss nicht, wie lange der Lockdown dauern müsste, bis mir tatsächlich einmal langweilig ist. Mir fällt immer etwas ein, das ich noch tun könnte.»

    Vor rund drei Jahren ist sie erst wieder ganz nach Balzers gezogen – in eine wunderschöne Wohnung mit herzlichen Vermietern und einem tollen Garten. Nur geniessen konnte sie ihre vier Wände lange Zeit nicht wirklich. Durch ihre internationale Tätigkeit war Tamara Kaufmann ständig unterwegs. «30 Jahre habe ich mehr oder weniger durchgearbeitet. In intensiven Phasen auch Tag und Nacht. Es ist für mich ganz neu, einfach daheim zu sein und nichts zu tun. Ich zünde jeden Abend Kerzen an und geniesse mein Zuhause. Und ich habe sogar Zeit zum Fernsehen.»



    Kein Mensch, der viel Geld braucht

    Doch wovon lebt die Künstlerin derzeit? «Ich habe ein paar Ersparnisse und werde vom Staat unterstutzt, wofur ich sehr dankbar bin.» Als die Massnahmen gelockert waren, durfte sie auch ein paar kleine Projekte machen. «Aktuell habe ich von der Kulturstiftung die Zusage für eine grosszügige Förderung für ein Tanzprojekt bekommen. Dennoch heisst es erst mal abwarten. Zum Glück bin ich kein Mensch, der viel Geld braucht», erklärt Tamara Kaufmann. «Ich bin sehr sparsam aufgewachsen und musste als Erwachsene erst lernen, dass man Geld ausgeben und sich etwas gönnen darf.» Dass sie sehr genügsam ist und von Natur aus kein Geld für unnütze Dinge ausgibt, kommt ihr in der aktuellen Situation sehr zugute. «Ich bin daheim, da brauche ich wenig.» Ihr persönlicher Reichtum ist die Zeit für sich selbst, die sie gewonnen hat. 

    Bei aller Dankbarkeit für diese geschenkte Auszeit macht sich Tamara Kaufmann aber auch existenzielle Gedanken über ihre Zukunft: «Da bin ich ein bisschen hin- und hergerissen. Ich durfte ja immer in meinem Traumberuf arbeiten. Aber was mache ich, wenn ich noch länger nicht arbeiten kann?» Von dieser Frage sind natürlich auch viele Kolleginnen und Kollegen aus der Kunst- und Eventszene betroffen: «Die eine macht eine Sprecherausbildung, die andere hat einen Bürojob gefunden, andere heiraten und kriegen Kinder, viele unterrichten jetzt. Wiederum andere werden depressiv, und auch den einen oder anderen Suizid hat es im Künstlerkreis schon gegeben – zum Glück nicht in meinem direkten Bekanntenkreis. Aber solche Meldungen machen mich sehr betroffen.»



    Tamara Kaufmann nutzt die viele freie Zeit deshalb auch, um ihre Fühler auszustrecken: «Eine Sprecherausbildung würde mich schon interessieren. Ich habe ja eine deutsche Mutter und deshalb gerade in unserer Region den Vorteil der Zweisprachigkeit – Dialekt und Hochdeutsch», bemerkt sie mit einem Augenzwinkern. Daneben hat sie die Fotografie für sich entdeckt, speziell die verschneiten Winterlandschaften haben es ihr angetan. «Und auch das bewegte Bild», ergänzt die vielseitige Künstlerin. «Für meine Choreografien habe ich immer schon die Musik selbst geschnitten. Viele Performances habe ich mit Videos inszeniert und auch diese für meine Zwecke geschnitten.» Die Technik dazu hat sie sich selbst angeeignet: Learning by doing. Aber wer weiss? Vielleicht holt sie eine professionelle Ausbildung in diesem Fach noch nach und nutzt diese ganz andere kreative Leidenschaft künftig für berufliche Zwecke. 
    Derweil hält die Tänzerin ihren Körper fit. «Lustigerweise weniger mit beruflichen Disziplinen wie Ballett, sondern lieber mit Wintersport.» Im Sommer durften es auch mal Volleyball, Biken oder Kitesurfen sein. «Mir ist bewusst, dass ich langsam in ein Alter komme, in dem nicht mehr alles so einfach geht», gibt Tamara Kaufmann zu. Für ihr bisheriges Leben war ihre körperliche Fitness ihr wertvollstes Kapital. «Wer dem Körper viel abverlangt, muss ihm auch etwas zurückgeben. Der Körper spricht mit einem. Das kann manchmal recht schmerzhaft sein», verrät die Balznerin, «vor allem, wenn man seinem Körper nicht viele Dehnungs- und Massageeinheiten zurückschenkt, wie ich es leider jahrelang versäumt habe. Zwischen der Arbeit und dem Muttersein blieb keine Zeit mehr fürs Training.»

    Eine Schatztruhe voller Erinnerungen

    Bis sie wieder auf die Bühne darf, zehrt Tamara Kaufmann von wunderschönen Erinnerungen an ihre letzten Projekte und gerät ins Schwärmen: «Die 300-Jahre-Liechtenstein-Feier im Scheidgraben, das war schon ein besonderes Highlight für mich, im wahrsten Sinn des Wortes. Eine Inszenierung mit Leuchtstäben zusammen mit Bewegung war eine geniale Idee von Liechtenstein Marketing. Wenn ich die Freude in die Herzen der Menschen durch Kunst verbreiten kann, habe ich mein persönliches Ziel erreicht.» Aber nicht nur Menschen tanzten nach ihrer Choreografie, sondern auch Bagger: «Die tanzenden Kaiserbagger an der Bauma in München werde ich sicher nie vergessen», blickt die Künstlerin auf dieses einzigartige Projekt zurück. Aber auch der Gala-Abend bei «Vaduz Classic» mit ihrer Inszenierung von Tanz und Luftakrobatik, die Choreografien für die Operetten und die Schaubühne in Balzers oder ihre Auftritte als Luftakrobatin, für die sie in der Welt herumreisen darf, freuen Tamara besonders. «Jedes Projekt, und sei es noch so klein, ist eine Herzensangelegenheit mit schönen Begegnungen, Teamwork und Adrenalin. Egal, wie lange es noch dauert. Wir werden das hoffentlich wieder erleben.» (Heike Montiperle)

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