• 26.10.2020 06:00 | von Desiree Vogt

    Invasion der Glücksbringer

    Marienkäfer, wohin man schaut – in diesem Herbst sind sie auch in Liechtenstein und der Schweiz in grossen Schwärmen anzutreffen.

    Es gibt sie in verschiedenen Farben wie gelb, rot oder schwarz mit jeweils andersfarbigen Punkten. Je nach Art tragen sie mehr oder weniger Punkte auf dem Rücken. Und nicht nur die Landwirtschaft und Hobbygärtner freuen sich über sie. Denn Marienkäfer sind nützlich. Und sie bringen Glück. In Zeiten von Corona ist es deshalb besonders schön, zu beobachten, dass sie derzeit ganze Hausfassaden «besetzen».

    Aber warum treten sie in diesem Jahr in besonders grossen Schwärmen auf? Und warum handelt es sich dabei nicht um den einheimischen, sondern um den asiatischen Marienkäfer, der dann doch nicht allen Menschen «geheuer» ist?

    Wie man zwischen den Käfern unterscheiden kann
    In Mitteleuropa gibt es ca. 70 bis 80 verschiedene Marienkäferarten. Die beiden bekanntesten Arten sind der Siebenpunkt-Marienkäfer und der Zweipunkt-Marienkäfer, erklärt Oliver Müller, Sachbearbeiter Fachbereich Natur und Landschaft beim Amt für Umwelt. Der asiatische Marienkäfer könne optisch von den heimischen Arten unterschieden werden. Meist zeige er auf der orangen bis dunkelroten Flügeldecke bis zu 19 schwarze Punkte.

    Nicht selten seien die Punkte verblasst oder fehlten sogar ganz. Umgekehrt könnten die Punkte auch so gross werden, dass sie miteinander verschmelzen. Aber auch schwarze Flügeldecken mit zwei oder vier recht grossen, orangen oder roten Punkten seien möglich. «Durch die Anzahl der Punkte ist der asiatische Marienkäfer so leicht vom etwa gleich grossen, einheimischen Siebenpunkt-Marienkäfer zu unterscheiden. Der Zweipunkt-Marienkäfer ist ebenfalls sehr variabel, ist aber kleiner und hat eine andere Halsschildzeichnung sowie schwarze Beine», so Müller.

    Die Käfer suchen ein Überwinterungsquartier
    Aber warum ist der asiatische Marienkäfer gerade derzeit so aktiv? «Im Herbst senden die Käfer Pheromone aus, durch die sie sich zu Schwärmen versammeln und zum Überwintern frostfreie, geschützte Orte suchen», erklärt Müller weiter. Während ihrer Überwinterung würden sie nicht fressen, sondern das eingelagerte Körperfett verbrauchen. «In ihrer asiatischen Heimat suchen sie sonnenbeschienene Felswände aus weissem bis ockerfarbigem Gestein, in deren Spalten sie sich verkriechen. Diese hellen reflektierenden Flächen sind für die Käfer über grosse Distanz wahrnehmbar.»

    In Amerika und Europa würden die Schwärme an warmen, sonnigen Herbst-Nachmittagen auf den nach West- oder Südwest gelegenen Teilen von hellen Gebäuden landen und einen Weg ins Innere suchen. «Sie bevorzugen dabei weisse oder helle Häuser mit kontrastreichen vertikalen Linien. In Scharen krabbeln sie dann durch Tür- und Fensterritzen, Spalten in Häuserfassaden und Dächern. Innerhalb der Wände, Fussböden, Dachböden, etc. suchen sie nach kühlen Plätzen, um den Winter zu verbringen.»

    Wenn es an ihrem Überwinterungsort zu warm werde, würden sie aus ihrer Starre erwachen und herumfliegen. Dabei würden sie aber Energie verbrauchen und den Winter meist nicht überleben. Im Frühjahr würden die Käfer wieder erwachen ausschwärmen, um sich zu paaren. «Nach der Paarung heftet das Weibchen jeweils 20 bis 30 Eier in der Nähe von Nahrungsquellen – z. B. Blattläuse – an Blätter», weiss Oliver Müller. Vom Ei bis zum fertigen Käfer dauere es unter guten Bedingungen nur rund drei Wochen. Seine normale Lebensspanne betrage einen bis drei Monate. Im Extremfall könnten die Käfer bis zu drei Jahre alt werden. «2020 war offenbar für den asiatischen Marienkäfer ein gutes Jahr mit genügend Nahrung, weshalb viele Generationen entstehen konnten, welche sich nun einen Überwinterungsplatz suchen.»

    «Auch diese Art müsste als Glücksbringer gelten»
    Dazu, ob der asiatische Marienkäfer schädlich ist, gibt es unterschiedliche Aussagen. Offenbar wurde er in China gezüchtet, um ihn gegen Blattläuse einzusetzen. Fakt ist: Der asiatische Marienkäfer ist in Europa zu einem dauerhaften Bestandteil der Insektenwelt geworden. «Ob dies Folgen für die einheimische Fauna hat, ist noch nicht abschliessend bekannt», so Oliver Müller. Jedenfalls würden ihn sein Appetit (er verzehrt bis zu 250 Blattläuse pro Tag!) und seine Vermehrungsrate besonders konkurrenzfähig machen.

    Tatsache sei ebenfalls, dass er auch Schmetterlingseier und andere Insekten nicht verschmähe. «In den USA hat sich gezeigt, dass der asiatische Marienkäfer einheimische Arten durchaus verdrängen kann. Dies könnte auch in Europa passieren, weshalb er als eine Gefahr für die einheimischen Arten angesehen wird.» Trotzdem betont Müller: «Man muss vor den Käfern keine Angst haben. Der Eindringling aus China überträgt keine Krankheiten, beisst und sticht nicht. Bei Gefahr schützen sie sich, indem sie eine bittere und übelriechende Flüssigkeit ausscheiden.» Marienkäfer seien in der Landwirtschaft sowie auch bei Hobbygärtnern äusserst beliebt. Sie würden sich hauptsächlich von Blatt- oder Schildläusen, aber auch von Spinnmilben und Wanzen und somit auch von Pflanzenschädlingen ernähren.

    «Die Nützlichkeit der Insekten führte dazu, dass die Bauern glaubten, dass die Marienkäfer ein Geschenk der Jungfrau Maria seien und benannten diese nach ihr. Die Bauern waren glücklich, wenn die Tiere bei ihnen auftauchten und so wurden sie zu Glücksbringern ernannt. Da nun die asiatischen Marienkäfer ebenfalls Pflanzenschädlinge fressen und dies noch in einer grösseren Anzahl als die heimischen, müsste auch diese Art als Glücksbringer gelten, und zwar noch als der grössere als die heimischen Arten.»

    Geteilt: x