• 22.01.2021 12:34 | von Damian Becker

    Fasnacht fiel schon einmal ins Wasser

    Der zweite Golfkrieg wirkte sich auch hierzulande aus. Hamsterkäufe wurden getätigt und Fasnachtsveranstaltungen im Jahr 1991 abgesagt.

    Ein Blick in die Zeitungen vergangener Jahrzehnte kann offenlegen, welche Themen und Probleme anhalten, gelöst werden oder in anderer Form wiederkehren – und wie eine Fasnacht das Weltgeschehen widerspiegeln kann.
    In den Monaten Januar und Februar 1991 dominierte in den Medien der Wahlkampf um die Gemeinderatswahlen, bei denen sich Kandidaten auf ihren Einsatz für einen ausgeglichenen Staatshaushalt oder für den Umweltschutz beriefen. Beim Ausgang der Wahlen hoben die Landeszeitungen das – im damaligen Verhältnis – erfolgreiche Abschneiden der Frauen hervor. Prominent wurden Vorträge über eine erfolgreiche Drogenpolitik gehalten. Begleitet waren die Front- und Auslandseiten von Agenturmeldungen des damals aktuellen Krieges: den ersten Irakkriegs und des drohenden Gegenschlags der Alliierten. Saddam Hussein drohte mit Terroranschlägen. Die Drohungen sorgten bei Regierungen für Besorgnis und lösten bei Bürgern Ängste aus, die zu Hamster­käufen führten. Aus Sicherheitsgründen und aus Solida­rität mit den Kriegsopfern sagten Fasnachtsgesellschaften im deutschsprachigen Raum die Unterhaltungen, Bälle und Umzüge ab. Nicht losgelöst von internationalen Geschehnissen folgten Fasnachtsvereine hierzulande teilweise. In den Leserbriefspalten herrschten darauf hitzige Diskussionen, ob diese Massnahmen übertrieben seien oder nicht.

    Fasnachtsveranstalter zu Beginn noch unsicher
    Der alliierte Gegenschlag zeichnete sich bereits zuvor ab, denn der Irak liess das UN-Ultimatum verstreichen, Kuwait zu räumen. Am 17. Januar startete das Bündnis unter Federführung der USA die Offensive. Am Folgetag schrieb das «Vaterland»: «Golfkrieg: Aggressor Irak militärisch am Boden.» Im deutschsprachigen Raum wurden die verschiedenen Fasnachts–, Faschings- und Karnevalsveranstaltungen der Reihe nach abgesagt. Auslöser waren die Fasnachtshochburgen Mainz und Köln. Die Frage stand im Raum, ob Liechtenstein mitziehen soll. Eine Woche später die Schlagzeile: «Fasnacht fällt teilweise ins Wasser.» Vorreiter war die Narrenzunft Schaan. Sie begründeten ihren Beschluss mit der derzeitigen politischen Lage, mit Fragen der Sicherheit und der Solidarität insgesamt. Der FC Schaan zog mit und sagte den Maskenball und das Kap­pen­fest ab. In anderen Gemeinden waren die Verantwortlichen an diesem Tag noch zum grossen Teil unschlüssig und planten dementsprechend Sitzungen. Vaduz wollte abwarten, wie sich Triesen entscheidet. Die Gemeinde Eschen gab bekannt, dass sie den Maskenball und die Kinderfasnacht durchführen wolle. Auch die Regierung beschäftigte sich mit der Fasnachtsthematik und hielt fest, dass es aus den aktuellen Gründen keine gesetzliche Grundlage gebe, um Fasnachtsanlässe zu verbieten. Sie begrüsse jedoch aus Sicherheits- und Solidaritätsgründen die Absage der Fasnachtsveranstaltungen.

    Hitzige Leserbriefe füllen die Spalten
    Darauf erschienen einige Leserbriefe, die dafür und dagegen argumentierten und das Stimmungsbild wiedergaben. So schrieb eine Vaduzerin: «Im letzten Weltkrieg war man trotz der Nähe der Grenze, in dem das Geschehen sich abspielte, doch irgendwie fern.» Doch die aktuellen Bilder, die im Fernseher gezeigt wurden, rücke den Krieg in die Nähe. Sie schloss: «Wir können unmöglich uns an solchen Lustbarkeiten vergnügen, während nicht weit von uns Familien sind, die um ihre Angehörigen bangen müssen.» Ein Balzner Guggenmusiker antwortet darauf: «Die Fasnachtsanlässe hierzulande abzusagen, grenzt an Scheinheiligkeit, denn jedes Jahr und überall auf der Welt bangen Familien um ihre Angehörigen, die in Kriege verwickelt sind.» Weitere Leserbriefe der Pro- und Kontra­lager schlugen argumentativ in dieselben Kerbe. So schrieb ein anderer Balzner, dass die Fasnacht für die Bevölkerung die gleiche Bedeutung wie Weihnachten oder Ostern habe, worauf eine Triesenbergerin heftig widersprach und zudem betonte: «Da wir als Individuum bekanntlich zu wenig Macht besitzen, um dem Wahnsinn am Golf ein Ende zu setzen, so können wir doch wenigstens einen minimalen Beitrag leisten.»

    Die Wirtschaft merkte es. Transatlantikflüge blieben leer. Und der Tourismus brach ein – vor allem in Ländern wie der Türkei, Zypern oder Griechenland. Aufgrund des Irakkriegs fürchteten die Menschen eine Inflation und tätigten Hamsterkäufe. Denner verbuchte auf bestimmte Produkte 30 Pro­zent mehr Verkäufe auf einzelne Lebensmittel. Auch sonst drück­ten weitere Auslandsnachrichten auf die Stimmung: Bombenanschläge auf Korsika, im Baskenland und in Nordirland. Der Bürgerkrieg in Jugoslawien wurde vorerst abgewendet.

    Zwischenzeitlich sagten Ruggell und Nendeln ihre Veranstaltungen ab, während sie in den anderen Gemeinden abgehalten wurden. «Da alle teilnehmenden Umzugsgruppen aus den verschiedenen Weilern von Triesenberg kommen, ist die Gefahr eines Terroranschlages sehr unwahrscheinlich», hiess es aus der Walser-Gemeinde. Die Narrenzunft Triesenberg begründete ihren Entscheid aber auch, dass sie in den unsicheren Zeiten Ablenkung verschaffen wolle.
    An den durchgeführten Fasnachtsveranstaltungen ging der Krieg nicht spurlos vorbei. Der Gemeindesaal in Vaduz blieb halb leer. Andere Säle füllten sich, doch erinnerten Büttenredner die Gäste an das Weltgeschehen.

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