• 17.10.2020 06:00 | von Julia Strauss

    «Ein sehr wertvolles Instrument»

    Die Bewährungshilfe in Liechtenstein arbeitet mit der positiven Kraft der Verurteilten für deren deliktfreie Zukunft.

    Um Verurteilte auf ihrem Weg in eine straffreie und selbstbestimmte Zukunft zu unterstützen, gibt es in Liechtenstein unterschiedlichste Methoden. Jo­sef Köck vom Verein Bewährungshilfe erklärt sie und spricht über seine Arbeit als Bewährungshelfer.

    Herr Köck, wie variieren die Methoden der Bewährungshilfe?
    Josef Köck: Im klassischen Sinne sind das die betreuerischen Leistungen, welche über einen längeren Zeitraum stattfinden und zusätzlich zu Verurteilungen wirken sollen, sowie die eher kürzeren diversionellen Leistungen. Zu diesen gehören gemeinnützige Leistungen, der aussergerichtliche Tatausgeich und Probezeit mit Bewährungshilfe. Gebote und Verbote werden vor allem bei Weisungen ausgesprochen. Je nach Fall ist das eine dem anderen vorzuziehen. Zusätzlich sind wir sehr kreativ und geschult darin, innerhalb der Massnahmen auf die Delikte angemessen einzugehen.

    Welche Massnahmen werden bei Weisungen richterlich angeordnet?
    Die Weisungen haben ausschliesslich den Zweck, den Rechtsbrecher vor weiteren strafbaren Handlungen abzuhalten. Ihm kann aufgetragen werden, an einem bestimmten Ort zu wohnen, sich alkoholischer Getränke zu enthalten, Urinproben abzugeben, einen geeigneten Beruf zu erlernen, oder sich an bestimmten Zeiten bei Gericht oder anderen Stellen zu melden. Psychotherapeutische Behandlungen, Entwöhnungskuren oder Gewaltberatung gehören in diesen Bereich. Bewährungshilfe unterstützt Weisungen, dass sie funktionieren.

    Wie sehen gemeinnützige Leistungen in der Praxis aus?
    Mittels gemeinnütziger Arbeit kann ein meist jugendlicher Straftäter eine aus Leichtsinn gesetzte Tat mittels unentgeltlicher Leistung von Arbeitsstunden in seiner Freizeit gutmachen. Das kann Mitarbeit in Pflegeheimen oder einer Grossküche wie des LAK sein, oder Gartenarbeit in der Stein Egerta.

    Sind diese Massnahmen freiwillig?
    Die Alternative ist die Verurteilung und Vorstrafe, daher jein. Obwohl die Jugendlichen sich freiwillig für diese Sozial­stun­den entscheiden, sind sie doch sehr eingriffsintensiv, da sie auf die Freizeit wie eine Haft eingreifen. Der Arbeitsaufwand beträgt maximal 120, bei Erwachsenen 240 Stunden.

    Welches Feedback bekommen Sie von den Probanden und den mitwirkenden Organisationen?
    Für viele Jugendliche ist die Arbeit in einer der Organisationen sehr bereichernd. Da kann es schon vorkommen, dass sie sagen: «Das war so interessant, in diesem Bereich will ich mal arbeiten.» Die andere Seite ist von den Einrichtungen. Diese sehen, wie fleissig und hilfreich die Jugendlichen mitarbeiten und profitieren von deren Engagement.

    Kann die gemeinnützige Leistung mehrfach angeordnet werden?
    Da gibt es unterschiedliche Ansichten. Die Staatsanwaltschaft tendiert eher zu einer einmaligen Chance. Ich kenne aber Fälle, in denen der Landrichter entgegen des Antrages der Staatsanwaltschaft noch einmal eine Diversion ermöglicht hat. Das hängt oft vom Verhalten des Betroffenen und Anträgen der Verteidigung ab. Da für jugendliches Fehlverhalten die pädagogische Massnahme die schnellere und bessere Sanktion ist, sehen wir darin mehr Nutzen.

    Welche Konflikte können bei einem aussergerichtlichen Tatausgleich entstehen? 
    Bei einem aussergerichtlichen Tatausgleich wird oft übersehen, wie schwer es einem Tatverdächtigen fallen kann, zu einer Sache zu stehen, sich dieser Sache zu stellen und Wiedergutmachungsarbeit zu leisten. Täter neigen dazu, sich vorher lieber bestrafen zu lassen, statt ehrlich zur Tat zu stehen und freiwillig wieder Gutmachung zu leisten. Denn: Normalerweise muss man über andere siegen oder verlieren. Um es klar zu sagen: Wir halten den aussergerichtlichen Tatausgleich bei Konflikten für die «Königsmassnahme», obwohl er wenig angeordnet wird.

    Wie profitieren Opfer davon?
    Geschädigte machen die Erfahrung, dass sie gehört und verstanden werden, was die Tat für sie bedeutet hat. Die angemessene ehrliche Entschuldigung, welche Tätern so schwer fällt, ist der immaterielle Ausgleich. Das Opfer erhält zudem eine un­bürokratische Schadensgutmachung auf materieller Seite. Da passiert sehr viel in diesen Konfliktgesprächen. Der ATA ist ein ungemein wertvolles Instrument für den sozialen Frieden in Familien, Partnerschaften, am Arbeitsplatz, in der Schule, in der Nachbarschaft. Er wird wie gesagt leider selten angewandt.

    Bewährungshilfe beschränkt sich also nicht nur auf einen Bürojob?
    Nein. Straffälligkeit hat meist viele Ursachen, denen wir auf den Grund gehen. In der angeordneten Bewährungshilfe werden die Probanden von uns «mit Rat und Tat» teilweise sehr intensiv betreut. Das können sogar wöchentliche Besprechungstermine oder begleitete Amtsgänge sein. Auch alltägliche Sachen wie Wohnungssuche oder Bewerbungen stehen auf dem Plan. Wir warten also nicht nur, dass jemand zu uns kommt, sondern es liegt genauso an uns zu schauen, dass die Betreuungen den Zweck erfüllen und strafbares Verhalten zurückgedrängt wird.

    Wie wichtig ist Weiter­bildung für die Helfer?
    Für die Sozialarbeit insgesamt und die Bewährungshilfe ist Weiterbildung sehr wichtig. Weiterbildung bedeutet für uns «Innovation» und führt zu Anpassungen und Verbesserungen unserer Herangehensweise. Die Gewaltberatung ist eine solche, die bei allen unseren Leistungen hilfreich ist. Hier können wir auch «Selbstmelder» ansprechen, die damit ihre Gewaltausübung beenden können.

    Ungewöhnlich ist, dass in der Bewährungshilfe auch Ehrenamtliche arbeiten.
    Ja, zwei kompetente Personen, die mit beiden Beinen im Leben stehen. Sie sind Bewährungshelfer wie die Hauptamtlichen und betreuen auf die gleiche Weise mit.

    Hören Sie auch kritische Stimmen, die diversionelle Massnahmen für «zu weich» halten?
    Wer kann wissen, was für wen zu weich ist? Die Vermittlung von gemeinnützigen Leistungen sind am beliebtesten, weil konkret etwas getan werden muss. Auch wir sehen es als adäquates Mittel, da Geldstrafen oft die Eltern bezahlen.

    Wünschen Sie sich mehr richterlich angeordnete unterstützende Massnahmen?
    Ja, das wäre nützlich. Täter sehen für sich in der Bedingten mit Probezeit oft keine Unbill und so keinen Änderungsbedarf. Der Wille alleine reicht oft nicht, um keine Delikte mehr zu begehen. Viele Verurteilte können ihr Verhalten trotz mehrerer Verurteilungen nicht verändern. Wir finden, man sollte daher mehr hinschauen, abwägen und kreativ sein, welches Gesamtpaket auf das strafbare Verhalten gesetzt wird. Das Strafrecht ermöglicht viele gute Lösungen und wir sind offen dafür, wenn nachgefragt wird. (js)

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