• 21.01.2021 18:30 | von Oliver Beck

    Des Guten eindeutig zu viel

    Die Stickstoffeinträge im Ruggeller Riet sind laut einer Ganzjahresmessung von 2019 zu hoch.

    Stickstoff ist für das Wachstum einer Pflanze von essenzieller Bedeutung. Allerdings kann sie ihn in seiner elementaren Form – so, wie er beispielsweise in der Atmosphäre auftritt – in aller Regel nicht nutzen. Eine Aufnahme ist meist nur über sogenannte reaktive Stickstoffverbindungen möglich.
    In vielen Fällen finden diese ihren Weg in ein Ökosystem über die Luft. Ein Vorgang, der als Stickstoffeintrag oder Stickstoffdeposition bezeichnet wird und an dem der Mensch entscheidend beteiligt ist. Denn die weitaus grössten Einträge sind auf oxidierte und reduzierte Stickstoffverbindungen zurückzuführen. Erstere sind vornehmlich Produkte von Verbrennungsprozessen in der Industrie und im Verkehr. Letztere stammen zum ganz grossen Teil aus der Landwirtschaft – Stichworte: Tierhaltung und Düngung.

    Zu viel Stickstoff gefährdet die Biodiversität
    Was im Grundsatz als eine wichtige Nährstoffquelle angesehen werden kann, hat zugleich aber auch enorm schädigendes Potenzial. In naturnahen Ökosystemen, erklärt Veronika Wolff vom Amt für Umwelt, bewirke ein übermässiger Stickstoffeintrag mitunter eine Auswaschung von Nitrat ins Grundwasser und trage zur Versauerung der Böden bei. Ausserdem führe er bei sensiblen Ökosystemen unweigerlich zu einer Überdüngung. Und das, so die Expertin weiter, habe wiederum zur Folge, dass stickstoffliebende Pflan­zen überhand nähmen, während Pflanzenspezies, die an nährstoffarme Standorte angepasst seien, verdrängt würden. Im Endeffekt verringert sich so die Biodiversität, und verschiedene Lebensräume gleichen sich in ihrer Artenzusammensetzung zusehends an.
    Doch in welchem Ausmass ist diese Gefahr in Liechtenstein tatsächlich gegeben? Um hierzu Erkenntnisse zu erhalten, hat das Land 2019 erstmals an einer schweizweiten Messkampagne teilgenommen. Während des gesamten Jahres wurden im Ruggeller Riet die Einträge von Ammoniak (NH3), Stickstoffoxid (NO2), Nitrat (NO3-) und Ammonium (NH4+) erhoben. Zudem wurden durch Extrapolieren auch Werte für Stickstoffkomponenten bestimmt, die andernorts gemessen wurden. Die Ergebnisse liegen mittlerweile vor: Im Ruggeller Riet belaufen sich die Stickstoffeinträge über die Luft demnach auf annähernd 47 kg pro Hektar und Jahr.

    Deutlich über kritischer Belastungsgrenze
    Weil die hiesige Luftreinhalteverordnung keine direkten Grenzwerte enthält, lässt sich dieser Wert nicht auf Basis nationaler Kriterien einordnen. Allerdings, so Wolff, würden sich hierfür auch die Critical Loads für Stickstoff (CLN) und die Critical Levels für Ammoniak (CLe-NH3) eignen – zwei kritische Belastungsgrenzen, die in der Konvention über weiträumige grenzüberschreitende Luftverunreinigung der Wirtschaftskommission für Europa festgelegt sind. «Beide geben an, bis zu welchen Einträgen keine negativen Effekte auf die jeweiligen Ökosysteme zu erwarten sind.» Für Flachmoore wie das Ruggeller Riet liegen die CLN zwischen 10 und 15 kg pro Hektar und Jahr. Der in Ruggell gemessene Wert sei folglich – in Analogie zu vergleichbaren Gebieten in der Schweiz – «viel zu hoch».

    Aber auch im Inland ist die in Ruggell konstatierte Problematik kein Einzelphänomen. An die Erhebungen anschliessend habe das Amt für Umwelt eine Modellierungsstudie in Auftrag gegeben, um die gesamte Situation in Liechtenstein abschätzen zu können, berichtet Wolff. Die Erkenntnis ist keine schöne: «Vor allem im Talraum sind die Stickstoffeinträge für sensible Ökosysteme landesweit zu hoch.»

    «Auf die Resultate muss reagiert werden»
    Für die Expertin ist der Handlungsbedarf vor diesem Hintergrund unbestritten. «Um weitere negative Veränderungen in den naturnahen Ökosystemen wie Biodiversitätsverluste zu verhindern, muss auf die Resultate reagiert werden», sagt sie. Ein Blick auf die Messergebnisse aus dem Ruggeller Riet macht zudem auch deutlich, wo der Hebel in erster Linie anzusetzen ist. Rund 85 Prozent des Stickstoffeintrags sind demnach den reduzierten Stickstoffverbindungen zuzuschreiben. Das deckt sich wiederum mit der Entwicklung, die Wolff für die jüngere Vergangenheit aufzeigt: «Während die Emissionen der oxidierten Verbindungen in den letzten Jahrzehnten reduziert wurden, sind die Emissionen der reduzierten Verbindungen seit einer Abnahme in den 1990er-Jahren konstant geblieben.»

    Es ist nicht so, dass im Bereich der Landwirtschaft als Hauptquelle reduzierter Stickstoffverbindungen seither nichts unternommen worden wäre. Der Bau von emissionsarmen Ställen und Hofdüngerlagern zum Beispiel wird in Liechtenstein schon länger speziell gefördert. Ebenso sind Neubauten und grössere Sanierungen von Güllegruben seit 2007 mit dauerhaft wirksamen Abdeckungen zu versehen. «Des Weiteren», ergänzt Wolff, «wurden im Rahmen eines Impulsprogramms zwischen 2007 und 2009 von einigen Landwirtschaftsbetrieben Systeme zur emissionsarmen Ausbringung von flüssigem Hofdünger angeschafft.»

    Diverse Möglichkeiten, um entgegenzuwirken
    Gleichwohl sind für eine signifikante Senkung offenkundig weitere Massnahmen notwendig – entweder in Form freiwilliger, mit Förderleistungen verbundener emissionssenkender Massnahmen oder in Gestalt verbindlicher Vorgaben. Hierbei, so Wolff, könne beispielsweise direkt am Anfang der Stickstoffkette angesetzt werden, etwa durch eine angepasste Fütterung der Nutztiere. Ebenso möglich wäre die Unterbindung der Entstehung von Ammoniak durch eine rasche Trennung von Harn und Kot im Stall oder die Förderung emissionsarmer Ausbringungsmethoden.

    Bezüglich Letzterem sorgte in der Schweiz erst im vergangenen Jahr der Schleppschlauch für einige Diskussionen. Während der Bundesrat per 2022 ein Obligatorium dieser emis­sionsarmen Ausbringungsmethode von Gülle einführen möchte, hat sich der Ständerat mit einer Motion für eine Beibehaltung der bisherigen Handhabung – freiwillig und staatlich gefördert – ausgesprochen. Stimmt auch der Nationalrat der Motion zu, muss die Regierung in Bern von ihren Plänen Abstand nehmen.

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Die im Zuge der Kampagne gemessenen Stickstoffeinträge sind grösstenteils auf die Landwirtschaft ...
Foto: Symbolbild Keystone