• 25.10.2020 00:00 | von Stephanie Fleisch

    "Der Lagederhof ist mein Hobby"

    Im Lagederhof in der Zollstrasse in Vaduz sind viele mehr oder weniger antike Stücke zu finden – und noch mehr Geschichten. Herbert Lageder, der Leiter des Geschäfts, kennt sie alle und noch mehr.

    Sein liebster Arbeitsplatz sei der Schaukelstuhl vor dem Lagederhof, wie Herbert Lageder erzählt. «Dort sitze ich und zähle die vorbeifahrenden Autos auf der Zollstrasse.» Allerdings nur die pinken und violetten, wie er anfügt. «Sonst werde ich ja nicht mehr fertig», meint er und lacht. Seit drei Jahren führt er das Antikgeschäft in Vaduz, seit seiner Pensionierung. Hausarbeit liege ihm nicht. Er sei mehr der handwerkliche Typ. «Vor allem mit Holz arbeite ich gern», sagt er und erzählt, dass er als junger Bub eigentlich Schreiner werden wollte. «Auf dem Schulweg sind wir an der Schreinerei, die früher beim Aukreisel stand, vorbeigekommen. Da hat es immer so fein gerochen. Manchmal durften wir auch hinein und ein paar Abfallstücke zum Werken mitnehmen.» Doch die Schreinerei stellte den Betrieb ein, bevor Herbert Lageder die Schule beendet hatte. «Ich habe dann Bauzeichner gelernt.» Später hat er in den IT-
    Bereich gewechselt und ist so zur LGT-Bank gekommen, wo er später Kundenstammdaten bearbeitete. «Dort hat es mir gefallen. Wir waren ein tolles Team: zehn Frauen und zwei Männer – da lernt man folgen», sagt er und lacht wieder. Die Kollegen vermisse er manchmal noch. Die Arbeit weniger.

    Den Hof seiner Eltern zu übernehmen, sei für Herbert Lageder nie in Frage gekommen, auch wenn er sich noch gern an die Zeit zurückerinnert, als er mit seinen vier Brüdern, den Eltern, Grosseltern und dem Onkel im Haus neben dem Stall lebte. «Jeden Morgen hat meine Mama Riebel gekocht. Ausser Sonntags, da gab es immer einen Zopf. Einen Wecker haben wir nie gebraucht. Wenn die Mutter in der Küche den Riebel in der Eisenpfanne stampfte, wusste man: es ist Zeit zum Aufstehen.»
    Selbstverständlich habe man auf dem Hof immer mit angepackt. Im Sommer, wenn die Schulkollegen ins Schwimmbad gingen, hat die Familie Kartoffeln auf dem Feld geerntet oder das Heu im Stall verstaut. 

    Kein Restaurator

    Seiner Leidenschaft für das Handwerk hat er früher schon gern gefrönt. Heute lässt er ihr freien Lauf und repariert die Waren, die er für das Geschäft bekommt. «Ich bin aber kein Restaurator», betont er mit erhobenem Zeigefinger. «Ich repariere nur.» Allerdings nicht alles. Manches lasse er bewusst bleiben, wie zum Beispiel die Löcher von Holzwürmern. «Das gehört zur Geschichte des Stücks. Und es soll ja nicht neu aussehen.»

    So einige Artikel im Lagederhof hat er wieder hergerichtet oder verschönert. Wie zum Beispiel der Schrank im «American Industrial Style», wie ihm die Shabby-Chic-Expertin erklärt habe. Mit ihr organisieren er und seine Frau zwei Mal im Jahr einen Kurs, bei dem die Teilnehmer selbst ihre Möbel verschönern können. Da halte er sich jedoch zurück. «Dann bin ich der Handlanger vom Dienst und schraube Scharniere ab und wieder an und kehre Kommoden und so weiter», erzählt er mit einem Zwinkern in den Augen. Schwer tragen, das könne er gut. Mit der Kreativität habe er es nicht so. Daher sei seine Frau für das Herrichten der Ausstellungsstücke zuständig. 

    Menschen und Geschichten

    Über 4000 Artikel hat Herbert Lageder in dem ehemaligen Stall an der Zollstrasse gelagert. Das Internet sei seine wichtigste Erwerbs-
    quelle. Da suche er auf verschiedenen Verkaufsplattformen nach schönen Stücken. Aber auch aus Nach­lässen oder Wohnungsauflösungen werden immer wieder Sachen an ihn herangetragen. «Ich muss mich oft selbst disziplinieren. Ich kann leider nicht alles nehmen», gibt er zu. Gewinn mache er mit dem Geschäft keinen. Darauf komme es ihm ohnehin nicht an. «Der Lagederhof ist mein Hobby. Ich muss nicht davon leben. Mit Antiquitäten kann man ohnehin nur ein kleines Vermögen machen, wenn man vorher ein grosses besitzt.»

    Es sind die Begegnungen mit den Menschen, die Herbert Lageder geniesst. Wer den Lagederhof besucht, braucht daher vor allem eines: Zeit – zum Plaudern, Philosophieren und Politisieren. So diskutiert er gern mit den deutschen Gästen über Angela Merkel und mit den Amerikanern über Donald Trump. «Es kommen noch recht viele Amerikaner her», weiss er. Vor ihnen könne er mittlerweile sogar mit einem beachtlichen Halbwissen glänzen, wie er stolz erzählt: «Texas ist zum Beispiel der ‹Lone Star State›, weil sie nur einen Stern auf der Flagge haben. Minnesota hat über 10 000 Seen und Virginia hat am meisten Präsidenten hervorgebracht.» Auch von seinem weitesten Verkauf berichtet er gern, von der grossen Standuhr, die heute in Ulaanbaatar, der Hauptstadt der Mongolei, steht.

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