• 26.11.2020 12:59 | von Melanie Steiger

    «Der Freiberger wird oft unterschätzt»

    Westernreiten und Working Equitation – beide Disziplinen aus traditionellen Arbeitsweisen reitet Tatjana Cargill mit Freibergerpferden.

    Das Westernreiten stammt ursprünglich aus dem Alltag der Farmer in Amerika, als sie für diverse Arbeiten auf der Ranch, unter anderem mit Rindern, das Pferd einsetzten. Und genau das fasziniert Tatjana Cargill daran. Die Lektionen in dieser Reitdisziplin sind alle davon abgeleitet, das Westernpferd strahlt Ruhe und Gelassenheit aus. Trotzdem muss es blitzschnell reagieren, wenn sich beispielsweise ein Tier von der Herde entfernt, und es unter der Anweisung des Reiters zurückbringen. Der altkalifornische Stil des Westernreitens zeichnet sich durch eine enge Verbindung zwischen Mensch und Tier aus, auch «Horsemanship» genannt. «Man baut mit dem Pferd eine Beziehung auf und das kommt im Westernreiten stark zum Ausdruck. Das ist mir sehr wichtig», sagt sie. Die Pferdetrainerin ist mit der Westernreitweise aufgewachsen und hat sie sich zum Beruf gemacht. Trotzdem fixiert sie sich nicht stur auf diese eine Reitweise, sondern baut Elemente aus der Dressurreiterei mit ein und nimmt auch an Springgymnastikkursen teil, um die Vierbeiner geschmeidig und flexibel zu halten.

    Vor sechs Jahren zog es die Thurgauerin nach Schaan in den Stall von Herbert Frick und seiner Freibergerzucht. Dort bildet sie Pferde wie auch Reiter aus, leitet Kurse und organisiert Ausritte. Sie ist Vereinstrainerin des SVPS (Schweizerischer Verband für Pferdesport) und hat eine Ausbildung zur Pferdefachfrau EFZ Westernreiten absolviert.

    Working Equitation vereint alles

    Eine ähnliche Disziplin wie das Westernreiten ist Working Equitation, eine traditionelle Arbeitsreitweise aus Südeuropa. Diese vereine für Tatjana Cargill alles, was ein gutes Reitpferd ausmache und für das Training benötigt wird: Trail-Hindernisse, Dressur, Springen und eine kontrollierte Geschwindigkeit. «Die Turniere sind lebendiger als im Westernreiten», beschreibt sie. «Denn dort ist es mittlerweile eher der Fall, dass die Turnierpferde abgestumpft wirken, was unnatürlich aussieht.» In der Working Equitation werde alles in Dressurmanier mit feinsten Hilfen und Tempo geritten. Auch wenn die Disziplin oft mit iberischen Pferden geritten wird, braucht es dafür nicht zwingend ein Pferd aus Spanien oder Portugal. Denn an den Wettkämpfen kommen unterschiedliche Rassen zum Einsatz. Das Pferd muss in erster Linie flink und wendig sein. Für die Turniere aber nimmt Tatjana Cargill lange Anfahrtswege in Kauf. Die Wettbewerbe fänden jeweils in den Kantonen Zürich, Aargau oder Basel statt. «Meist übernachte ich auch dort. Es ist eine kostspielige Angelegenheit, doch möchte ich wissen, wo ich mit den Pferden stehe und wie ich mich verbessern kann», sagt sie.

    Das Freibergerpferd wird oft unterschätzt

    Beide Reitweisen übt Tatjana Cargill mit Freibergerpferden aus. Sie ist begeistert von der Rasse und möchte sie noch beliebter machen. «Oft werden die Pferde unterschätzt. Man kann mit ihnen auf einem soliden Niveau Springreiten, fahren und Dressurreiten. In der Westernreitweise sind die Freiber-ger sehr talentiert in den RanchDisziplinen die Trail, Reining und die Arbeit an den Rindern beinhalten. Viele Reiter wären damit mehr als nur gut bedient», meint die Pferdenärrin. Mit ihrem 19-jährigen Freiberger Centissimo schaffte sie es sogar ins nationale Kader der Working-Equitation-Gruppe. Mit ihm reitet sie keine Turniere mehr. Dafür hat Tatjana Cargill den jungen Freiberger Don Felice vom Stall Frick als Nachfolger am Start, den sie für diese Disziplin ausbildet. Ein weiteres Pferd aus diesem Stall, die junge Stute Donna Fiona, hatte sie im vergangenen Jahr erfolgreich an Westernturnieren vorgestellt, um sie später im Zuchtbetrieb einsetzen zu können.

    Tatjana Cargill selbst besitzt nebst Centissimo die sechsjährige Quarter-Stute Sweetsteadychexinic, genannt Sweet. «Sie ist für mich eine schöne und abwechslunsreiche Herausforderung», erzählt sie. Mit ihr möchte sie vor allem im Bereich der Rinderarbeit trainieren. «Ein Teil der Quarterhorses, zu denen Sweet gehört, werden extra für die Arbeit am Rind gezüchtet. Sie besitzen den sogenannten ‹Cow sense›, den Instinkt, ein Rind zu treiben.» Obwohl die Freiberger im Stall Frick eine sportliche Statur aufweisen und auch dafür trainiert und gezüchtet werden, erreiche man im Sport ab einem gewissen Niveau mit ihnen eine Grenze – ausser im Fahrsport. Dort kann der Freiberger auch auf internationalem Niveau mithalten.

    Das Pferd an der Longe geraderichten

    An erster Stelle steht für Tatjana Cargill die Gesundheit des Pferdes. Darum achtet sie stets darauf, dass das Pferd nach den anatomischen Grundsätzen ausgebildet und trainiert wird. Um die Bewegungsabläufe des Tieres besser zu verstehen, absolvierte sie eine zusätzliche Ausbildung auf Basis der Pferdephysiologie. Zudem fängt sie beim Training mit jungen Pferden jeweils an der Longe am Kappzaum an und orientiert sich dabei an der Schiefen-Therapie. Das bedeutet, das Pferd bewegt sich an der Longe in einer natürlichen Selbsthaltung und wird ohne Hilfszügel gerade gerichtet. Die Dehnungshaltung, die in der Reiterei allgemein erwünscht ist, wird dadurch vom Pferd selbst eingenommen. Um die Tiere auszubilden, nutzt Tatjana Cargill oft das Gelände, denn dies sei abwechslungsreicher. Damit das Pferd lange körperlich gesund bleibe, gelte es, im Sport wie auch in der Freizeitreiterei, ein gutes Mittelmass für das Training und den Muskelaufbau zu finden. «Das Pferd sollte zudem immer Freude daran haben, was es tut», betont die Reiterin.

    Dieses Jahr hat sie so viele Pferde ausgebildet wie nie zuvor auf einmal. «Fünf waren schon etwas viel. Denn ich will nicht, dass die Pferdeausbildung eine Abfertigung wird. Ich möchte Zeit für die Tiere haben, um auf sie einzugehen.» Bis ein Pferd die Grundlagen – einen Reiter auf dem Rücken zu akzeptieren und mit ihm Schritt, Trab und Galopp zu laufen – dauert es, je nach körperlicher und mentaler Verfassung des Pferdes, etwa drei Monate. Nach etwa einem halben Jahr kann man auf dieser Basis aufbauen. «Nach dem zweiten Monat ziehe ich jeweils die Besitzer zum Training hinzu, denn am Ende müssen sie mit ihrem Pferd klarkommen», so Tatjana Cargill. An ihrer Arbeit schätzt sie, dass sie die meisten Tiere, mit denen sie arbeitet, von Geburt an kenne und sie auf ihrem Weg zum Reitpferd begleiten darf.

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