• 23.04.2021 06:00 | von Damian Becker

    Ärzte wollen die Öffentlichkeit wachrütteln

    Das Clinicum Alpinum hielt gestern eine Veranstaltung mit drei Referenten über Long-Covid bzw. Post-Covid ab.

    Das Thema Long-Covid wurde bislang tabuisiert, lautete der Tenor am gestrigen 3. Qualitätszirkel des Clinicum Alpinum. Mit der Veranstaltung wollte daher die Klinik sowohl die Politik und die Öffentlichkeit sensibilisieren: Krankenkassen fehle immer noch der Mut, das Krankheitsbild anzuerkennen und Kosten zu decken. Als Experten waren Martin Müller, Ärztlicher Leiter des Spitals Schiers, Massimo Caliendo, klinischer Pathologe und Dozent für Neuroscience und Neurorehabilitation aus Bergamo, und Sigrun Chru­ba­sik von Alpinamed geladen. Zwischen den halbstündigen Vorträgen beantworteten die Fachpersonen Fragen aus dem Zoom-Chat und hielten am Ende eine Diskussionsrunde.

    Das Clinicum Alpinum bietet seit Beginn dieses Jahres eine Post-Covid-Cure an, indem Betroffene stationär behandelt werden. Vonseiten der Klinik heisst es zu den Betroffenen: «Die Spätfolgen haben sie körperlich gebrochen, psychisch sind die meisten angeschlagen.»

    Psychische und physische Langzeitfolgen
    Martin Müller ging auf das Grundproblem von Long-Covid ein. 15 bis 30 Prozent der an Corona erkrankten Personen leiden über Monate an Spätfolgen, die sowohl körperlicher als auch psychischer Natur sind. In der Schweiz werden zwischen 200 000 und 300 000 Betroffene geschätzt. Zu den Symptomen zählen unter anderem Muskelschwäche, Geruchsstörungen, Schwindel, Diarrhea, Übelkeit, Antriebslosigkeit, Depressionen, Gelenkbeschwerden, Schlaf- und Konzentra­tionsstörungen. 70 Prozent der an Corona Erkrankten leiden nach einem halben Jahr an mindestens einem Symptom, zum Beispiel an fehlendem Geschmackssinn.

    Die Krankheitsphasen der Covid-19-Infektion werden in drei Stadien eingeteilt. In der Frühinfektion setzt sich der Körper mit der Krankheit auseinander. «Der Erkrankte leidet an Kopfschmerzen, etwas Husten und etwas Fieber», so Müller. Das zweite Stadium wird eingeteilt in Patienten, die unter Atemnot leiden, und jenen, die nicht daran leiden. Das dritte Stadium bezeichnet das Atemversagen. Wenn das Virus in Phase zwei und drei eingeht, reagiert der Körper mit einer Entzündung. Diese führt zu Long-Covid. «Durch die starke systemische Entzündung können Langzeitschäden entstehen, die das Gehirn und das Herz angreifen.» Dadurch können auch Betroffene einen Rückfall haben, die bereits als geheilt gelten. Das Virus wirkt negativ auf Neurotransmitter, beispielsweise die Glückshormone Serotonin und Dopamin. Sie können auch im Nervensystem zum Zelltod führen: Konzentrations- und Gedächtnisstörungen sind die Folge. «Irgendwann verbessert sich der Allgemeinzustand des Patienten und wir entlassen ihn», sagte Müller. «Die Frage lautet aber, ob im Hinblick auf Long-Covid die Patienten so weit sind, um entlassen zu werden.» Patienten, die hospitalisiert sind, haben ein grösseres Risiko, an Long-Covid zu erkranken. Doch sie sind nicht die Einzigen. Auch junge Menschen kann es treffen, Frauen eher als Männer.

    Eine Antwort liegt in der Ernährung
    Die Behandlung von Long-Covid geschieht auf mehreren Ebenen. Im Clinicum Alpinum teilt sich die Therapie in Schlaf, Ernährung, Bewegung und psychologische Betreuung ein. Die Referenten Massimo Caliendo und Sigrun Chrubasik gingen auf den Ernährungs­aspekt in der Post-Covid-Behandlung ein.

    Gewisse Pflanzen und ihre Extrakte lindern Symptome wie Schlaflosigkeit oder Antriebslosigkeit und sind entzündungshemmend. Caliendo, aus Bergamo zugeschaltet, berät 25 Personen täglich und klärt sie auf, auf welche Nahrung sie verzichten und welche Nahrungsergänzungsmittel sie zu sich nehmen sollen. «Der erste Ansatz ist die Hemmung der Entzündung, vor allem in der Leber», so Caliendo. Mit dem Eiweiss- und Fettanteil müssen die Patienten rauf-, mit den Kohlenhydratzufuhr runtergefahren werden.

    Es wird versucht, auch die Abwehr gegen die Stressfaktoren zu vermindern, die durch das Cortisol hergeführt wird. Dabei nennt er mehrere Pflanzen und Nahrungsergänzungsmittel. Zuoberst auf der Liste, die er den Patienten empfiehlt, steht beispielsweise die Frucht des chinesischen Spaltkörbchens. Neben der Abwehr gegen das Stresshormon erhöht sie zum Beispiel die Leberleistung. «Diese gibt man auch Leistungssportlern», so Caliendo. Auch bei den Pflanzen macht sich ein Unterschied in der Wirkung auf Geschlechter bemerkbar. «Wir haben gesehen, dass die Taigawurzel Frauen sehr hilft, Männern weniger. Chrubasik ging auf das Thema Safran ein. Sie verwendet es in Form eines Antidepressivums, das ebenfalls eine Abwehr gegen Cortisol ist.

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