• 28.03.2020 14:16

    «Ich mag es rau, direkt und ohne aufgesetzten Glanz»

    «Es ist schön, anderen zu gefallen – geniessen kann ich es aber erst, wenn ich mir selbst gefalle», sagt der Balzner Musiker Simon Vogt, der sich als Künstler «wavvyboi» nennt. Sein Aussehen ist alles andere als 08/15: So gerne er in sein farbenfrohes Prinzessinnen-Kleid schlüpft, so reizt ihn auch seine düstere Vampir-Kluft. Ebenso besonders ist seine Musik: Auf düstere Instrumentalmusik legt er seine melancholische, hohe Stimme.

    Seine Augenlider hat er an jenem Freitagnachmittag rosa geschminkt. Direkt auf dem Lid trägt «wavvyboi» ein eher zartes Rosa, nach oben wird es intensiver und unter der Augenbraue ist der Lidschatten schon fast pink. Den Lidstrich hat er in schwarzer Farbe dünn gezogen. Seine blauen, gedankenvollen Augen erscheinen wie ein Bild, das er stilvoll umrahmt hat. Ebenfalls stilvoll, aber auch wild trägt er seine hellblonden Haare. Wenn er spricht, fährt er sich mit den Händen immer wieder durch sein schulterlanges Haar. Und nicht einmal seine Hände sind im 08/15-Stil – auf jedem Finger, ausser dem Daumen, hat er einen Buchstaben tätowiert. Er legt beide Hände ausgestreckt auf den Tisch vor sich: Aneinandergereiht ergeben die Buchstaben ein für ihn bedeutungsvolles Wort: wavvy baby. So nennt er sich manchmal anstelle seines Künstlernamens wavvyboi. Nur bei seiner Familie zu Hause in Balzers ist er Simon Vogt. Einst hat er sich «Slowkiss» genannt – wavvyboi sei nun aber der perfekte Name für ihn, wie er sagt. Als Surfer liebe er die Wellen – «und ausserdem klingt der Name irgendwie verträumt». Mit seiner gewählten Schreibweise, den zwei v und dem i am Ende des Namens, sehe es ausserdem noch ästhetisch aus. Und Ästhetik ist dem modebewussten jungen Mann sehr wichtig. 

    Seinen langen schwarzen Mantel hat er über den Stuhl neben sich gehängt, darunter trägt er einen weissen Blazer, dazu schwarze Hosen. «Ich muss mich in meinem Outfit zu 100 Prozent wohl fühlen», sagt er. An manchen Tagen muss es der ­farbenfrohe Prinzessinnen-Style sein, dann wieder die schwarze Vampir-Kluft. Hauptsache: So ausgefallen wie möglich. «Ich stelle mich gerne zur Schau», sagt wavvyboi. Klingt nach der Aussage eines selbstbewussten jungen Mannes. Weit gefehlt: Denn es gibt Tage, an denen die Selbstzweifel geradezu an ihm nagen – sich wie ein Loch in sein Inneres bohren. Seine Gedanken, Ängste und Zweifel schreibt er täglich in seinem Tagebuch nieder. Es ist quasi die Inspirationsquelle für seine Musik, die ebenfalls von Ängsten und Zweifeln geprägt ist. «Die Musik hilft mir, sie zu bewältigen und zu versuchen, mit schlechten Gedanken umzugehen.» Als Grunge oder mit seinen Worten «Emo-R ’n’ B» beschreibt wavvyboi seine Musik. Auf düstere Instrumentalmusik legt er seine melancholische, hohe Stimme und singt selbst geschriebene Texte. 

    Die Musik nimmt in wavvybois Leben eine übergeordnete Rolle ein. Überaus übergeordnet: «Zu 99 Prozent dreht sich in meinem Alltag alles um Musik», sagt er. Derzeit lebt er in Köln. In einer Wohnung, zirka zehn Minuten von seinem Studio entfernt. Sein Tag beginnt morgens gegen 9 Uhr – «gemächlich», wie er sagt. Noch vor dem Mittag macht er sich auf den Weg ins Studio, wo er an seinen Songs arbeitet. «Meistens so bis zwei Uhr nachts, manchmal auch länger.» Er singt über die Liebe und über Enttäuschungen. Über Ängste und Depressionen. «Happy-Songs gibt es in meinem Repertoire nicht.» Nicht, dass die Sonne in seinem Leben keinen Platz hätte. «Ich mag es aber lieber rau, direkt, ehrlich und ganz ohne aufgesetzten Glanz.» Damit hat wavvyboi Erfolg – grossen Erfolg. Mit «Cyber Gen», ein Zusammenschluss von mehreren Einzelkünstlern, ging der ­
    21-Jährige vergangenes Jahr auf Tournee durch ganz Deutschland. Pro Auftritt gehörte jedem Musiker 25 Minuten lang die Bühne alleine. 25 Minuten, von denen wavvyboi jeweils jede einzelne genoss, den Moment geradezu in sich aufsog. Obwohl er privat gerne zurückgezogen lebt, liebt er es, vor Tausenden von Fans zu stehen. Nicht aber als Rampensau. «Wenn ich singe, bin ich komplett bei mir.» Einen im Scheinwerferlicht performenden wavvyboi gibt es nicht. Er ist vielmehr ein Musiker, der alleine mit seiner Stimme, seinem Sound und seiner Erscheinung auf seine Fans wirkt. Insbesondere junge Frauen zieht er in seinen Bann und so kommt es auch nicht selten vor, dass obsessive Fans nach dem Konzert vor dem Tourbus auf ihn warten. «Ich gebe meinen Fans gerne ein Autogramm», sagt er. Doch gerade nach intensiven Konzerten sei er mit seinen Kräften aber irgendwann am Ende. «Es tut mir sehr leid, wenn ich mich verabschiede und manche Fans sind leer ausgegangen. Ich möchte möglichst vielen, bestenfalls allen eine Freude machen.» 

    Eine Freude wird wavvyboi seinen Fans auch dieses Jahr wieder machen, wenn er im Sommer erneut auf Tournee geht – dieses Mal alleine. «Ein wenig Muffensausen habe ich bei dem Gedanken schon, ganz alleine ein Konzert bestreiten zu dürfen.» Aber auch grosse Freude, wie er sagt, während er über das ganze Gesicht strahlt. Sein Gemüt ist verletzlich, sein Selbstwertgefühl manchmal bei null. Doch alleine wenn er über seine Musik und seine Pläne spricht, erfüllt sich die Seele des jungen Mannes mit positiver Energie. 

    Schon als Kind hat wavvyboi die Musik als seine Energiequelle entdeckt. Sein Vater Sigi Vogt hat es ihm als Musiker vielleicht schon in die Wiege gelegt. Selbst auf Erkundungstour ging er dann aber, indem er in der grossen CD-Sammlung seines Vaters schmökerte. Grössen wie Eric Clapton, Jimi Hendrix, die Beatles oder die Rolling Stones fehlten darin natürlich nicht. «So bin ich mit Blues, Rock und Rock ’n’ Roll gross geworden.» Seine Leidenschaft war es aber auch als Kind, sich die Musik nicht nur anzuhören – «wenn ich alleine zu Hause war, stellte ich mir vor, einmal selbst auf einer Bühne zu singen». Gesungen habe er allerdings nur heimlich. «Hörte mich dann doch mal mein Vater, sagte er immer, ich hätte eine wunderschöne Stimmfarbe.» Das sei ihm aber peinlich gewesen. Dass er wirklich einmal auf einer Bühne steht, daran habe er nie geglaubt. Dennoch wollte er seinen musikalischen Weg weitergehen. Bei Stefan Frommelt und Roger Szedalik, beide in Liechtenstein und der Region bekannte Musiker, hat er Unterricht in Gesang, Klavier und Gitarre genommen. Auf die Musik war er derart fokussiert, dass es auch nicht verwunderlich ist, dass er im Skaterpark auf Jungs gestossen ist, die in einer Band gemeinsam musizierten. «Taxfree» nannte sich die Band damals und wavvyboi wurde schneller Mitglied der Musikertruppe, als er mit seinem Skateboard durch den Park flitzte. Erst als Bassist, dann als Frontmann. Es folgten Auftritte im Camäleon oder am Open-Hair-Metal-Festival in Balzers.  

    Das Gymnasium hat Simon Vogt nach der fünften Klasse abgebrochen. «Das war keine einfache Zeit und ich wusste nur etwas: Ich möchte Musik machen.» Mit Hilfe der moralischen Unterstützung seiner Familie und dem fachlichen Rat von Stefan Frommelt und Roger Szedalik hat SimonVogt mit der Schule «Deutsche Pop Akademie» in Köln dann aber seinen Weg gefunden. Noch fehlt ihm ein halbes Jahr bis zum Abschluss – in Absprache mit der Schule hat wavvyboi derzeit aber eine Pause eingelegt, um an seiner Karriere zu arbeiten. Denn Schule und Tournee unter einen Hut zu bringen, ist auch für ihn als leidenschaftlicher Musiker nicht möglich. 

    Dass Köln tatsächlich der richtige Weg für wavvyboi war, bestätigen die vielen und für ihn wichtigen Kontakte, die er schnell knüpfte. Beispielsweise zu «Taddl», «dyzzy» und «Young Mokuba». «Ich versuchte, mit meiner Musik auf den verschiedensten Internetkanälen präsent zu sein.» Seine Rechnung ging auf: Musiker wurden auf wavvyboi aufmerksam und luden ihn zu gemeinsamen Konzerten ein. Bereits ein Jahr später war er Mitglied der «Cyber Gen». So beharrlich wie der junge Mann seinen Weg verfolgte, so schnell durfte er auch schon die ersten Lorbeeren pflücken. Auf diesen nun erst einmal ausruhen, will wavvyboi aber nicht. «Dazu hätte ich keinen Grund, weil ich noch lange nicht dort bin, wo ich gern sein möchte.» Damit meint wavvyboi aber nicht etwa eine grosse Bühne oder eine bekannte Konzerthalle. «Mein grosses Ziel ist, den Punkt zu erreichen, an dem ich von mir überzeugt sagen kann, dass ich musikalisch etwas drauf habe.» Weshalb er so viele Fans habe und weshalb die Konzerte für seine geplante Tournee so schnell ausverkauft waren, dass er zwei Zusatzkonzerte geben wird, dafür mag wavvyboi schon gar keine Erklärung finden. «Es ist schön, anderen zu gefallen – geniessen kann ich dies aber erst, wenn ich mir selbst gefalle.» Unverblümt sagt wavvyboi: «Ich mag mich nicht.» Ständig ist er bestrebt, alles, was er macht, zu perfektionieren. «Das Leben ist für mich quasi eine Reise zur Selbstliebe.» Eine Reise, auf welcher der junge Musiker noch viel vor hat. Und eine Reise, die er sensibel und stets mit Tiefgang bestreitet.  (bfs)

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