• 01.03.2020 14:41

    Das Rezept zum Glück liegt in der Gemeinschaft

    Hans Brunhart und sein Sohn Andreas waren im Dezember 2017 in Bhutan unterwegs, um herauszufinden, was es mit dem Bruttonationalglück auf sich hat. Was die Liechtensteiner dort gesehen und erlebt haben, war einzigartig und sehr eindrücklich.

    Auf einer Fläche etwa so gross wie die der Schweiz erstrecken sich unberührte Wälder, enge Täler, steile Felswände ebenso wie mit Palmen übersätes Tiefland und dichter Dschungel. Bhutan, das letzte Königreich im Himalaja, war noch vor etwa 60 Jahren eine verborgene Welt, die sich erfolgreich den Errungenschaften der Moderne entzogen hat. Erst in den 2000er-Jahren öffneten sich die Tore des dünn besiedelten Landes, das im Süden an Indien und im Norden an Tibet grenzt, für Touristen. Hans Brunhart stattete dem Königreich gemeinsam mit seinem Sohn Andreas im Dezember 2017 einen Besuch ab. Er habe sich schon vor etlichen Jahren vorgenommen, noch ein paar Länder zu bereisen – Bhutan war eines davon. «Ich interessiere mich auch seit Langem für das Bruttonationalglück, das es nur in Bhutan gibt. Es hat mich gereizt, weil doch jeder Mensch wissen möchte, wie er zum Glück kommt», sagt Brunhart. Auf der zweieinhalb-wöchigen Reise durch das Königreich haben die beiden Liechtensteiner viele neue Eindrücke und Erkenntnisse gewonnen, konnten die unberührten Landschaften des südostasiatischen Landes geniessen und mit den Einheimischen ausgiebig über das Thema Glück sprechen. 

    Bhutan steht hinter dem System
    Das Bruttonationalglück (BNG) verfolgt das Ziel, die Lebensbedingungen der weniger glücklichen Einwohner Bhutans zu verbessern, damit möglichst viele Bhutaner als glücklich gelten. «Das bedeutet allerdings nicht, dass alle Menschen zu einhundert Prozent glücklich sein müssen», betont Hans Brunhart. Denn in Bhutan gibt es viele Faktoren, die zum Glücklichsein beitragen. So beruht das System, dessen Umsetzung dem Staat obliegt, auf vier Säulen: eine gerechte Gesellschafts- und Wirtschaftsentwicklung, die Förderung kultureller Werte – zu der die Religion ebenso wie die Kultur zählen –, der Schutz der Umwelt sowie ein gutes Regierungs- und Verwaltungssystem. Mit Fokus auf diese vier Säulen und den ihnen untergeordneten neun Domänen, zu denen unter anderem die Zufriedenheit, Gesundheit, Bildung und die kulturelle wie auch ökologische Vielfalt zählen, werden alle paar Jahre Erhebungen durchgeführt. Die erste dieser sogenannten Brutto­nationalglück-Befragungen wurde 2008 lanciert, die bisher letzte im Jahr 2015. Bei dieser betrug der Anteil der als glücklich eingestuften Menschen rund 44 Prozent. Ein guter Schnitt für ein Land mit über 800 000 Einwohnern – findet das «Happiness Center», welches für das Glück der Bevölkerung in Bhutan zuständig ist. 
    Hans Brunhart konnte sich vor Ort selbst ein Bild der Lage machen. Auf die Frage, ob denn die Menschen tatsächlich glücklich sind, antwortet er: «Ich bin sehr viel in Südostasien gereist und habe eigentlich nur Menschen getroffen, die gelächelt und einen glücklichen Eindruck gemacht haben. Aber die Art und Weise, mit der die Menschen in Bhutan miteinander umgehen, ist doch sehr eindrücklich und speziell. Der gegenseitige Respekt ist sehr gross. Die Gesellschaft ist eine Gemeinschaft.» Jeder Einzelne würde sich Gedanken dazu machen, wie es dem Staat gehe. «Dieses Gemeinschaftsdenken ist stark verankert. Die Gesellschaft lebt nur dann, wenn alle zusammenarbeiten. Der Individualismus ist im Vergleich zu unserer Gesellschaft sehr schwach entwickelt.» 
    Brunhart hat vor allem beeindruckt, dass das BNG nicht nur eine Theorie ist, sondern wirklich gelebt wird: «Wir haben beispielsweise oft mit unserem Reiseführer und Fahrer über das BNG gesprochen. Beide können vollkommen hinter dem System stehen und sind überzeugt davon.» Allerdings hätten die Bhutaner auch betont, dass das BNG nicht für jeden Staat etwas sei. «Sie wollen ihr System niemandem aufdrücken und glauben, wie ich übrigens auch, dass es anderswo wohl nicht funktionieren würde», erklärt er. Denn das Königreich ist eines der wenigen Länder, das kulturell noch in sich abgeschlossen ist. Dies liegt einerseits an der geografischen Lage, die sich durch die Abgeschiedenheit des Landes auszeichnet. Andererseits aber auch an der Tradition und Religion, die sehr präsent sind. «Ich war schon in Vietnam, Kambodscha, Laos und Thailand. Die Religion war in Bhutan viel präsenter. Zwar waren die Tempel nicht so festlich und farbig, dennoch leben die Menschen den Buddhismus.» Auch sei eindrücklich gewesen, dass Männer wie auch Frauen nach wie vor traditionell gekleidet seien. «Und die Bauten wurden im klassischen Stil errichtet. Ich habe in Bhutan lediglich ein Haus gesehen, das nicht in der traditionellen Holzbauweise erbaut wurde. Das habe ich sonst nirgends erlebt.» Deshalb sei es auch schwierig zu sagen, ob es grosse soziale Unterschiede in der Bevölkerung gebe. «Den Statistiken nach zu beurteilen, schneidet Bhutan relativ gut ab.» Die Menschen sind nicht reich, aber wirtschaftlich lässt sich einiges auf das System zurückführen. «Wenn es der Bevölkerung schlecht ginge, wüsste ich nicht, ob sie dann noch so überzeugt davon wären.» 

    Natur ist Teil der Gesellschaft
    Ebenso respektvoll wie die Menschen miteinander umgehen, tun sie dies auch mit den Tieren und der Natur. In Bhutan gebe es wie beispielsweise in Ecuador sehr viele Strassenhunde. «Anders als dort aber, sind jene in Bhutan gepflegt und gar nicht scheu.» In Thimphu, der Hauptstadt, gebe es einen Verkehrspolizisten, der auf der Hauptachse den Verkehr regelt. «Um ihn herum liegen ständig Hunde. Sie dösen friedlich vor sich hin und lassen sich von nichts aus der Ruhe bringen, da sie genau wissen, dass ihnen niemand etwas antut.» Auch Kühe, Pferde oder Himalaja-Ponys würden regelmässig ihre Runden durch die Dörfer und Städte drehen. «Bei uns wäre es undenkbar, ein Pferd frei rumlaufen zu lassen. Das hat einfach mit der Einstellung der Bhutaner zu tun. Sie sagen, dass die Natur ein Teil von ihnen ist», erklärt Brunhart. 

    «Menschen brauchen eine Basis»
    In der ganzheitlichen Denkweise, gerade auch im Hinblick auf die zukünftigen Generationen, sieht Hans Brunhart das Geheimnis des BNG. Dennoch ist ihm bewusst, dass dieses System nicht alle Probleme des Staats lösen kann.
    «Die Wirtschaft Bhutans lebt von der Landwirtschaft und dem bewusst eingeschränkten Tourismus. Eine Exportwirtschaft  oder einen Industriesektor gibt es nicht», erklärt Brunhart. Die Jugend sei sehr gut ausgebildet, allerdings würden die Arbeitsplätze fehlen. Viele junge Bhutaner wandern deshalb aus. Und trotzdem: «Bhutan ist innovativer als man meint. Seine Basis beruht auf Tradition und Religion. Obwohl man aus beruflicher Sicht nicht innovativ genug sein kann, braucht der Mensch eine Basis, um motiviert und glücklich zu sein. In dieser Hinsicht ist Bhutan schlicht breiter aufgestellt als viele andere Länder.» (jka)

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